Adventslesung im Barockviertel

Meine nächste Lesung findet im Rahmen der Adventslesungen im Dresdner Barockviertel statt. Ich darf zu Gast sein im wunderschön gelegenen Atelier Uta Gneiße direkt im Dresdner Kulturrathaus.
Wahrscheinlich werde ich etwas aus der Episode lesen, die sich Warschauer Advent nennt,
Am Dienstag, den 17. Dezember um 18.00 Uhr auf der Königsstraße 15

Warschau – Der Schlossplatz bei Nacht

Advent in Warschau

Eine Leseprobe aus meinem Manuskript:

Ich stieg an der Trasa W-Z aus und da es regnete,  rannte ich mit gesenktem Kopf die Treppen hinauf und quer über den Schlossplatz. Doch mitten auf dem Platz stoppte ich vor einem silbrigen Schein zu meinen Füßen. Aus einer Pfütze schaute er mich an, jener Weihnachtsmond aus Kindertagen. Ich hob den Blick und entdeckte ihn, da hinten über Praga, nicht hoch über der Weichsel im regenschwarzen Winterhimmel.
Ansonsten war der Himmel schwarz. Dunkler als der Himmel war nur noch König Zygmunt Wasa hoch oben auf seiner Säule. Aber wie ich so hoch schaute zu ihm, wie er so seinen Säbel schwang, und damit die tiefhängenden Wolken traf, da platzte tatsächlich der Himmel auf, riss einfach auf wie ein morsches Gewand, klaffte wie eine Schnittwunde, aus der fortan wie Blut die Sterne sprühten.
Ich stand und sah es mit offenem Mund und konnte es nicht glauben und war doch sicher: solche Tage kommen in Jahrhunderten nur einmal vor. So folgte ich jener Himmelswunde, dieser Sternenspur. Sie führte direkt in die engen Gassen. Und wo die Giebel hoch oben sich trafen, da ließen sie genau jenen kleinen Spalt zum Himmel frei, durch den die Sternenspur in die Gassen leuchten konnte. Überall öffneten sich Türen, die Menschen steckten die Köpfe heraus, während die Kinder an ihnen vorbei auf die Gasse schlüpften und umherhüpfend auf den Himmel zeigten. Als jedoch ein Geschepper anhob, ein Geschleife und Gequietsche und Getrampel und Gedröhn, da eilten die Kinder ängstlich in die Arme der Eltern zurück. Ein unbeleuchteter Pferdeschlitten jagte durch die Gasse. Ein Kerl von einem Kutscher stand auf dem Bock. Ob er nun betrunken war oder ob er nur zu früh mit Schnee gerechnet hatte. Keine Ahnung. Jedenfalls zogen die schäumenden Pferde das Gefährt übers Pflaster und unter den Kufen stoben abermals die Funken wie Sterne.
Ich ging weiter, doch plötzlich war die Sternenspur verschwunden, einfach verschluckt von Wolken, die über die Dächer zogen, so wie all die Jahrhunderte zuvor. Sofort blieb ich stehen, so als hätte ich die Orientierung verloren. Auf der einen Seite der Straße ragte die gewaltige Fassade von St. Martin auf. Direkt neben mir jedoch war ein grober, runder Torbogen, wie aus einem Monolith gemeißelt, über einer alten Eisentür. Wie bei einer Kerkertür gab es in Kopfhöhe einen vergitterten Sehschlitz. Über der Tür wurde der Torbogen von einem Schlussstein begrenzt. Darauf konnte sich eine kleine Knabenplastik mit knapper Not halten, die Arme ausgebreitet, als spende sie Segen, wie das Christuskind, die Knie leicht gebeugt, wie vor dem ängstlichen Sprung vom Dreimeterbrett.

Kunstwerke im Abseits

Aus gegebenen Anlass: Wertvolle Kunstwerke finden sich an ganz seltsamen Orten wieder, wo sie nichts zu suchen haben. Eine Passage:

Der Milizionär aber begann zu brüllen und zu fluchen:
„Wariat zapierdolony!“ 

Die Lebendmaske August des Starken

Auf der Bank neben uns, keine zwei Meter in der Dunkelheit entfernt saß noch so ein Penner.
Er sah zu uns herüber und sprach mich zu meiner Überraschung in akzentfreiem Deutsch an:
„Ich kann Ihnen dolmetschen, was er gesagt hat.“
Das Wort dolmetsch verstand aber sogar der Milizionär.
Wütend leuchtete er ihm mit seiner Taschenlampe ins Gesicht und nun konnte auch ich in seine Augen blicken, freundliche Augen, die einst wach gewesen waren. Darüber sehr dichte Brauen. Eine gewaltige, gebogene Nase über einem fülligen Mund. Was waren das für Kleider! Sahen aus wie aus dem Museum geklaut.
Aber Würde hatten sie, mein Gott, Würde hatten sie. Eine hohe Pelzmütze auf dem langen zerzausten grauen Haar. Man sah ihr an, dass darin die Motten hausten. Ein roter Mantel, kompliziert geknöpft, zwei Knopfreihen von Messing, stumpf freilich, und irgendwie mit Lederbändern verbunden. Etliche Knöpfe fehlten, dann hingen die Bänder lose herab. Auch der Mantel muss einst mit Pelz besetzt gewesen sein, einige Pelzbüschel waren noch übrig. Auf die Brust hatte er sich einen Orden geheftet, eine Art Stern auf rotem Kreuz. Auf dem Stern klebte ein weißer Adler, der glänzte wie von Diamanten. Das war natürlich Glas oder irgendwas.
„Ich will Euch hier nie wieder sehen“, brüllte der Milizionär und verschwand.
Der Penner zog mich beiseite.
„Ich habe hier im sächsischen Garten Parkverbot. Ob du es glaubst oder nicht.“ Er lachte laut auf, was ich nicht verstand. Warum sollte ich es nicht glauben? Ich glaubte es ihm aufs Wort.
„Komm mit“, sagte der Penner. Wir überquerten die Marszałkowska, gingen die Dzielna entlang,
zwischen den schwarzen Hauswänden der Próżna hindurch. Am plac Grzybowski wusste er eine Bank, wo er sich sicher fühlte.
Er zog nun an einer Kette, die aus seiner riesigen Manteltasche hing und brachte triumphierend
eine bauchige Flasche mit schlankem Hals zum Vorschein, öffnete einen goldenen Verschluss
und reichte sie mir. Ich fühlte die fingerbreiten Rippen der Flasche und hielt sie gegen das
Licht einer Straßenlaterne. Edel geschliffenes Glas und sie leuchtete tiefrot, wie Rubin.
„Wo hast Du denn diese Flasche her!“
„Trink!“
Ich trank. Der Fusel biss in der Kehle und schmeckte wie Lösungsmittel.

Über die Grenzen

Wenn einer nicht mehr weiß, wie solche Grenzen aussehen und welche Gefahr sie bedeuteten: in meinem Manuskript überwindet der Protagonist von Warschau aus die innerdeutsche Grenze durch einen Trick und mehrere Zufälle. Lest selbst:

Es war der 15. August und wir fuhren mit der 175 die Żwirki i Wiguri entlang zum Flughafen Warszawa-Okęcie. Die Luft hatte sich über Nacht kaum abgekühlt. Dennoch fror ich. Was weiß ich, warum man an so einem Sommermorgen frieren konnte.Noch in der 175, so dachte ich,  konnte ich mich einfach zu Joanna drehen und sagen: nein, Joanna, ich kann es nicht, fahr allein! Noch auf dem Weg in die Betonhalle des Flughafens, selbst noch, nachdem sie zweimal unsere Pässe kontrolliert hatten. 
Noch immer konnte ich sagen: Joanna, flieg allein! Aber sie sah mich an, ergriff meine Hand und zog mich mit sich fort. An ihrer Hand wurde ich ganz ruhig und zuversichtlich und konnte ihr nunmehr bei ihrem Auftritt zusehen. Es war ein wirklich großer Auftritt, der Auftritt einer Schauspielerin auf der Bühne. 
Joanna hatte einen breitkrempigen Hut auf und zu beiden Seiten ragten ihre blonden Zöpfe hervor. Sie trug die Sonnenbrille, die ich ihr geschenkt hatte, einen ziemlich engen, bunt gemusterten, knöchellangen Rock und über der Schulter ein weites, seidenes Tuch voller greller, bizarrer Ornamente. Wie eine Königin ging sie neben mir her, so stolz wie eine Herrscherin über fremde, ferne Reiche, dachte ich, in denen die Sonne nie untergeht. Ihr Cello trug sie jetzt selbst auf dem Rücken und über ihrer Schulter hing der riesige Seesack. Außerdem lief sie barfuß. Natürlich zog sie alle Blicke auf sich, so wie eben eine Königin alle Blicke auf sich zieht. Das ist doch klar. So steuerte sie ohne zu zögern, wahrscheinlich weil irgendetwas ihr das so sagte, auf die traurigste Figur unter den Beamten zu. Auf einen der noch nicht einmal die erste Rasur brauchte, dem das fettige Haar unter der Uniformmütze hervorragte, vielleicht weil er verschlafen hatte, weil seine Mutter vergessen hatte ihn zu wecken oder weil sie ihn nicht mehr wecken wollte, um ihm zu zeigen, dass es Zeit wird, endlich auf eigenen Beinen zu stehen, mit Frau und Kind eben. 
Joanna schlang ihren rechten Arm um meinen Hals, wandte sich schließlich um und ging. Nun griff der Beamte nach meinem Pass, seine Blicke indes waren Joanna natürlich gefolgt. Er schlug meinen Pass auf, blickte unkonzentriert hinein, dann besann er sich und rief Joanna hinterher:
„Entschuldigung!“Joanna blieb stehen, drehte sich zu uns um und kehrte zurück. Sie hatte es übertrieben! Jetzt war er aufgewacht! Jetzt hatte er Verdacht geschöpft! Jetzt drohte Gefahr! Er holte ein kleines Heft aus einer Tasche seiner Uniformjacke und blätterte in dicht beschriebenen Seiten voller Unterschriften. Ganz sicher eine Fahndungsliste. So etwas.
„Ich wollte sie fragen: geben Sie mir ein Autogramm?“
Joanna nickte, nahm den Stift, den er ihr hinhielt, unterschrieb und ich sah, wie sie das J von Joanna wie einen Violinschlüssel malte. Er klappte das Heft zu. Auf den Umschlag waren rote Herzen und goldene Sterne geklebt. 
Schon konnten wir beide gehen und sie nahm meine schweißnasse Hand in die ihre.
Siebenundzwanzig Minuten später saßen wir im Flugzeug. 
Die Türen wurden geschlossen, endlich heulten die Triebwerke auf. Dann plötzlich wurde die Gangway noch einmal herangeschoben. Ein Mann im offenen, hellen Trenchcoat kam die Treppe hinauf gestürmt. Extra für ihn wurde die Tür wieder geöffnet. Niemand schien ihn zu beachten. Alle blätterten in irgendwelchen Zeitungen oder sahen aus dem Fenster. Nur ich vergrub mein Gesicht in der Lehne des Vordersitzes. 
„Grzeg, Lieber, was hast Du?“
„Gleich haben sie mich, Joanna!“
Der Mann eilte den Gang entlang direkt auf mich zu. Ich war sicher, dass er mich suchte. Und doch hatte ich ihn nie zuvor gesehen. Vielleicht sollte ich beten: Vater unser im Himmel. Weiter wusste ich gar nicht. Verdammt, das musst du lernen, dachte ich noch, da verglich er schon oben an den Gepäckfächern die Platznummern mit seinem Ticket, ließ sich zwei Reihen vor uns in seinen Sitz fallen, schnallte sich an, das Flugzeug rollte los, bog auf die Startbahn ein, beschleunigte und hob ab. Und wieder einmal konnte ein neues Leben beginnen! 
Irgendwann erkannten wir die Oder. Es konnte auch die Warta sein,  blinkend in der Sonne. Doch dann hörten wir zuerst ein Knacken und Pfeifen im Bordlautsprecher und schließlich eine Ansage. „Die Passagiere werden gebeten sich anzuschnallen, wir müssen wegen eines Unwetters über Düsseldorf Berlin anfliegen.“  Berlin! Berlin! Wir fliegen Berlin an! Von dort weiter mit dem Zug, oder was weiß ich, was sie sich jetzt für uns ausdachten. Aber  es war eigentlich egal: „Jetzt ist alles vorbei, Joanna! Jetzt haben sie mich. Knast. Es durfte eben nicht sein! Ich wusste es! Ich habe es gewusst“
Wir sahen uns lange an. Jetzt konnten wir nur noch warten.
„Wir landen in Westberlin“, sagte Joanna, „Bestimmt.“ Ich schüttelte den Kopf. 
„Das glaube ich nicht.“
Selbstverständlich landete das Flugzeug in Berlin-Schönefeld. Jetzt war ich geliefert. Ich sah sie schon kommen, wie sie mich in Handschellen abführten. Zwei Typen in Anoraks. So sehr ich auch nachdachte: mir fiel kein Ausweg ein. Die Maschine rollte auf einen abgelegenen Stellplatz und stoppte. Nichts passierte. In der Ferne erkannte ich den Fernsehturm. Die Sonne kam kurz durch die Wolken, beleuchtete wie ein Scheinwerfer  die gläserne Kuppel und bildete darauf ein Lichtkreuz. Wie um uns ein Zeichen zu geben. Aber es war natürlich kein Zeichen. Es war Physik, weiter nichts. Es war als müsste unsere Reise hier unten nur kurz Luft holen. Nur mal kurz. Gar keine Gefahr. Niemand schien sich um dieses Flugzeug zu kümmern. Vielleicht eine Stunde lang. Niemand. Dann begann die Stewardess,  kostenlose Getränke anzubieten. Joanna bestellte zwei kleine Flaschen Sekt, ließ sie aber geschlossen. 
Noch nicht!
Schließlich kündigte eine Durchsage den Start an. 
Noch nicht!
Die Triebwerke heulten wieder auf. 
Noch nicht!
Wir rollten erneut auf die Startbahn, und ohne vorher noch einmal zu stoppen, wie unter großer Eile, beschleunigte die Maschine und hob ab.
Jetzt öffnete Joanna die Flaschen und goss ein, während ich aus dem Fenster zusah, wie sich die Maschine ruckelnd durch die Wolkendecke hinaufarbeitete, die von Westen heranstürmte.
Immer wieder rasten Wolkenlöcher vorüber, die scheinbar nur aus dem einem Grund geöffnet waren, mir mein altes, graues Land da unten noch einmal vorzuführen, winzig und putzig wie in einer Spielzeugdose, in der Figürlein wie Wasserflöhe so klein auf und ab flitzten. Wie ruhig und selig konnte ich ihnen von meinem Sessel über den Wolken dabei zusehen. Wie planlos ihr Treiben war! Dabei wusste ich doch genau, dass es nichts gab, das sie ohne Plan taten! Sie erhoben sich nach Plan noch in der Dunkelheit aus ihren Betten,  stiegen nach Plan in ihre Busse und Autos, arbeiteten nach Plan, legten sich nach Plan wieder schlafen, verliebten, verheirateten und stritten sich nach Plan, bekamen nach Plan ihre Kinder und starben schließlich wieder nach Plan und das alles mit den gleichgültigsten Gesichtern, die ich aus der Höhe natürlich nicht erkennen konnte.
Dann kam ein Berg heran, eigentlich nur ein Hügel, eine Eisenbahnlinie umkreiste ihn bis zum Gipfel wie eine Murmelbahn einen Sandberg. Der Brocken! Das also war der alte Brocken? Und diese dünne Linie, die sich durch Wälder und Täler zog, quer durch ihre Dörfer, diese Linie, so fein wie ein Spinnweb, diese Linie ist also die Grenze, die sie alle so fürchten da unten und die sie so hübsch einhegt in ihrer kleinen Spanschachtel? Ich konnte es nicht glauben!
Und ach! Dass die Luken sich nicht öffnen ließen und ich ihnen allen ein Ade! zurufen und zum Abschied recht bitter auf ihre Untertanenscheitel spucken konnte! 
Das Flugzeug suchte sich einen Weg zwischen Wolkentürmen. In den dunkelsten von ihnen zuckten Blitze wie in Lampenschirmen.
Die Maschine ging in den Landeanflug über. „Sieh nur, der Rhein!“ Wir flogen schon ziemlich tief, zogen dann aber einen weiten Bogen…

Sommer. Abschied

Als wir am Vormittag erwachten, war es heiß in der Dachkammer. Am Nachmittag wurde die Luft schwer und schwül, dann plötzlich kam wieder Sturm auf aus Richtung Süd-Südwest und Joanna wollte nun doch mit mir ans Meer. Aus großer Ferne schon hörten wir die Brandung und hielten uns immer in dieser Richtung. Bald erreichten wir Hügel, die uns wie ein kleiner Gebirgszug vom Meer zu trennen schienen, bogen in ein flaches Seitental ab, eher eine Mulde im Waldboden. Bisweilen war das Tosen der Brandung gar nicht mehr zu hören. Nicht einmal mehr der Wind in den Wipfeln. Schon in der nächsten Mulde aber hörten wir die Brandung wieder. Irgendwann erreichten wir schließlich den Deich. Der Sturm wehte uns feinen Sand in die Augen. Mit gesenktem Kopf querten wir den Deich auf einem Knüppelweg und erreichten den Strand. Plötzlich war es vollkommen still. Ob es der Windschatten der Düne war oder eine Laune der See oder ob der Sturm plötzlich verstummt war? Aber noch immer rollte Woge um Woge heran und traf mit mannshohen Brechern ans Ufer.
„Komm, Grzeg, jetzt ist es schön. Lass uns baden.“
Wir zogen uns aus und waren sofort nass. Wir stürzten uns in die Wogen, sprangen auf. Schon wichen wir einer Woge aus und tauchten unter der nächsten ab. Bis wir plötzlich einen so kräftigen Sog spürten, der uns beide mit Gewalt ergriff und hinaus zog. Längst hatten wir den Boden unter den Füßen verloren und sofort kam die lähmende Angst.
Schwimmen half nicht gegen diese ruhige unterseeische Kraft. Doch bevor die nächste Woge sich auftürmte, zogen sich die Wasser zurück, wie um auszuholen zum nächsten Schlag. Der Sog, der nach unseren Beinen griff ließ nach. Wir bekamen wieder Boden unter den Füßen und ich packte Joannas Hand und riss sie ein paar Meter mit in Richtung Strand. Da krachte uns die Gischt einer riesigen Welle in den Rücken, die stärker war als alle vorher. Wir stürzten von der Wucht nach vorn, sprangen jedoch schnell wieder auf, noch bevor die Wasser erneut strömen konnten, die aber jetzt schon flacher waren und gegen unsere vereinte Kraft kaum mehr ankamen. Hand in Hand erreichten wir den Strand. Erst jetzt merkten wir, dass die Luft ganz plötzlich eiskalt geworden war. Wir zitterten, vor Kälte, vor Angst oder vor Erschöpfung. Wir umarmten und wir küssten uns und ich werde Joannas Salzgeschmack nicht vergessen. Meine Arme umfassten ihren zitternden, kalten Leib, während ich über ihre Schulter aufs Meer hinaus schaute. Der Sturm schien an Kraft wieder zugenommen zu haben, hatte aber die Richtung gewechselt und kam jetzt vom Meer her. Meine Handflächen versuchten ihre Haut zu wärmen. Ich musste an Sara denken und ihre gnadenlosen Fragen und wollte Joanna so etwas sagen wie… Doch plötzlich:
„Joanna, sieh!“
„Was siehst Du, sag es mir.“ Sie drehte sich nicht um.
Immer wenn sich ein Wellental bildete, erkannte ich die Aufbauten eines gesunkenen Schiffes, keine 100 Meter vom Strand entfernt. Ein Wrack, das sich leicht zum Ufer hin neigte.
„Siehst Du Menschen?“
„Ich weiß es nicht. Nein.“
Nun aber kam mit dem Sturm vom Meer mit hoher Geschwindigkeit eine Wolkenfront heran, eine dunkelgraue Wand, in gerader Linie, wie mit dem Messer abgeschnitten. So als lege das Land sich zum Schlaf und jemand zöge ein dunkles Tuch darüber. Und alles, wirklich alles wurde viel dunkler unter dem Tuch, vom Meer her kam eine Luft wie von Milch. Als würde etwas das Augenlicht trüben. Nicht lange und es war heran. Erst sah ich das Wrack nicht mehr, dann die Brandung, dann die Uferlinie. Dann waren wir wie von Nebel eingehüllt. Nun erst bemerkte es Joanna.
„Grzeg, lass uns gehen, bitte.“
„Ja, lass uns gehen, Joanna.“
Wir kleideten uns an und liefen landeinwärts Hand in Hand in östlicher Richtung. Vor uns blitzte schon das Licht des Leuchtturms auf. Wir durchquerten den Waldstreifen.
Dann traf es uns wie ein Schlag. Es kam mit einer solchen Kraft über uns, es kam so unerwartet dass wir wie gelähmt stehen blieben. Nichts was wir kannten, erinnerte an das was jetzt geschah. Als Erste fand Joanna Worte.
„Die Posaunen von Jericho, Grzeg.“
Tiefe Töne von einer unerhörten Wucht. Immer wieder in kurzen Abständen, dreimal hintereinander. Dann vielleicht eine halbe Minute Pause. Und erneut! Töne so tief und durchdringend, dass unsere Körper von ihnen zu vibrieren begannen.
In einer der Halb-Minuten-Pausen liefen wir los, fanden bald die Straße und das Dorf.
„Joanna?“
„Ja?“
„Ich habe so ein Gefühl. Ich glaube es ist die Angst.“
„Grzeg warum, wie kommst Du darauf?“
„Wegen Düsseldorf, Joanna, ich werde wahnsinnig. Und wenn das alles Zeichen sind?“
„Grzeg, hör auf zu spinnen!“
„Kommt so das Unheil?“
„Niemals! Niemals kommt so das Unheil. Das kommt mitten im Lachen, es bricht über dich herein, wenn du fröhlich bist. Von einer Sekunde zur nächsten, zack, so mag es das Unheil am liebsten.“
„Dein Vertrauen, Joanna.“
„Aber ja! Du kannst sicher sein: sogar die Haare auf deinem Kopf sind gezählt.
„Wie? Was soll das heißen? Wer sagt das.“
„Mateusz“
„Mateusz? Welcher Mateusz?“
Aber Joanna antwortete gar nicht. Wir erreichten gerade die Dorfstraße, duftende Blumen hinter den Zäunen und alles was man zum Einlegen von Gurken brauchte.
„Und warum machst du dir Sorgen, Grzeg, um Kleidung und Essen und alles? Guck dir nur die Lilien da hinter dem Zaun an. Und der Dill. Riechst du sie? Sieh nur wie sie wachsen. Aber siehst du sie etwa arbeiten und …“
„Was heißt prząść, Joanna?“
„Spinnen. Sie arbeiten und sie spinnen nicht und sie leben doch. So schreibt er.“
„Wer?“
„Mateusz“
„Weißt du, dass das im Deutschen ein Wort ist: spinnen und mieć brzika?“
„Joanna! Grzeg!“ Schon von Weitem hatte Sara uns gesehen.
„Sara!“
Sie fielen sich in die Arme.
„Was ist das für ein Wrack, Sara?“
„So weit wart ihr!“
„Der Nebel um diese Zeit!“
„Wir haben Besuch.“
Zwei Chinesinnen waren gekommen, Musikstudentinnen wie Joanna. Wir mussten ihnen vom Sturm erzählen und vom Nebelhorn und dem gesunkenen Schiff. Da sagte Eine:
„Bei uns heißt es: Die Natur weiß, wenn der Kaiser stirbt.“
Alle lachten. Auf dem Hof brannte ein Feuer und wir saßen im Kreis. Die Großmutter hatte kaszubski Kociołek zubereitet. Eine Art Bigos, ein Topf voller Kraut und Wurst und Kartoffeln, der fest verschlossen wurde und im Feuer garte.
„So spielt doch was“, rief Sara den Dreien zu.“ Sie gingen, um ihre Instrumente zu holen und setzten sich in das offene Scheunentor, wo es warm war und trocken.
„Grzeg darf sich was wünschen.“
„So spielt was von Bach“.
„Aber, Grzeg, Bach hat keine Musik für Streichquartett geschrieben. Wir sind zwar nur zu dritt…“ Da tippte eine der Chinesinnen ihr mit dem Geigenbogen auf die Schulter. Sie tuschelten aufgeregt, probierten schließlich ein paar Takte und dann sagte Joanna:
„Grzeg hat uns auf eine Idee gebracht. Und es ist ein Dankeschön an Sara Goldberg. Und es ist vielleicht sogar eine Weltpremiere!“ Alle drei waren sich schnell einig geworden, dass sie ein paar Teile der Goldberg-Variationen auf dem Klavier auswendig konnten und so beschlossen sie, es als Trio zu improvisieren. Wir blieben am Feuer sitzen und hörten ihnen zu.

Das Wrack vor der Küste

Siehst du die Lilien da im Feld…

Kociolek

Sommer. Auf dem Hof

Ohne abzubremsen bog der Fahrer in eine Hofeinfahrt ein, Bremsen quietschten, der trockene Sand spritzte zur Seite, ein Hund bellte. Hühner sprengten davon. Wir hielten mitten im Dreiseithof, direkt vor einer großen Scheune aus dunklem Holz. Sara und Joanna kamen erschrocken angerannt. Als ich aus dem Wagen ausstieg, küsste mich Joanna, Sara umarmte mich und beide starrten mich mit weit aufgerissenen Augen an.
„Sie haben mich verhaftet, wisst ihr. Alarmbereitschaft und so. Alles streng geheim.“ Ich nahm das Cello vom Rücken. „Sie haben geglaubt, das Cello sei eine Waffe.“ Dann überbrachte ich die Einladung, auf Schloss Zakocino zu konzertieren.
Joanna und Sara lachten und da sie nun so erleichtert waren, wollten sie kein Ende finden. Dann schauten sie sich an: „Warum eigentlich nicht.“
In der Tür der Wohnhauses erschien eine alte Frau mit Kittelschürze, sah zu uns herüber und verschwand sofort wieder, als sie die Soldaten sah.
„Hör nur, der Sturm, Grzeg! Noch aus vier Kilometern hört man das Meer“, sagte Sara. Irgendwo hinter dem Wald war ein fernes Brausen zu hören.
Die alte Frau steckte den Soldaten etwas zu, das in Zeitungspapier gewickelt war. Obwohl es schon durchfettet war, schob der Soldat das Paket unter seine Uniformjacke, so wie andere eine Brieftasche einstecken. Ich überlegte, ob es Speck war oder Fisch. Dann gab ihnen die Frau noch eine Milchflasche, die offenbar zur Hälfte mit Schnaps gefüllt war. Was sollte es sonst gewesen sein. Die beiden bedankten sich und fuhren davon. Die alte Frau gab mir die Hand. Es war Saras Großmutter. Meine Hand fühlte sich nun fettig an und roch nach geräuchertem Fisch.
„Das war keine Armee“, fuhr Sara ihre Großmutter an, „das war nicht nötig, hörst du!“ Die Großmutter drehte sich um und ging wortlos ins Haus zurück.
„Oder was meinst du, Joanna?“
Joanna zuckte die Schultern. Sara führte mich ins Haus, durch einen kleinen Vorraum und schon stand ich in der Küche. Die Großmutter hantierte an einem Kohleherd. Über dem Herd hing ein Schild mit deutscher Schrift, die Farbe im Laufe der Jahrzehnte vom Feuer des Herdes schon gedunkelt: Eigner Herd ist Goldes Wert.
Sara sah, dass ich das Schild sah.
„Ich kenne das Sprichwort. Das gleiche Bild hängt auch bei meiner Großmutter.“ Ich wollte es ins Polnische übersetzen. „Das heißt własna kuchenka jest…”
„Ach, du bist ja der Deutsche“, rief die Großmutter, „Nein, nein, das heißt Lepszy ciasny ale własny, das hat mir schon mal jemand übersetzt.“
Das wiederum hieß allerdings so etwas wie: Klein aber mein. Es ist sinnlos, dachte ich, Sprichwörter zu übersetzen, noch sinnloser als Witze. Ich schaute in den riesigen Suppentopf.
„Żurek“, fragte die Frau, „kennst Du Żurek?“
Und ob ich Żurek kannte! Zweimal die Woche gab es in der Mensa Żurek als Vorsuppe zum Kartoffelbrei mit kotlet mielony, was kein Kotelett war, sondern Hackfleisch.
Wir gingen in die Stube. In der Stube ein Tisch, dahinter an der Wand ein Sofa, über dem Sofa ein Marienbild und ein Bild des Papstes. Jan Paweł II.
„Es ist Sturm, Joanna, hörst du? Wir müssen ans Meer!“
„Grzeg! Ich muss üben. Geh mit Sara.“
Also aßen wir Żurek, so wie ich sie noch nie bekommen hatte, mit Ei und gutem Schinken und dann standen Sara und ich auf. Doch Sara wollte nicht ans Meer. Wir fuhren zu dem Schloss, von dem ich ihnen erzählt hatte.
„Gefällts Dir hier, Grzeg?“
„Ja, sehr. Bist Du hier aufgewachsen?“
„Nein, ich nicht. Mein Vater kam ja aus D, aus Galizien.“
„Er war Jude, ich weiß.“
„Ja.“
Sie schwieg. Sie schaute nach vorn und ich dachte, sie muss wirklich Not haben, die Löcher in der Straße zu umkurven. Da musste man sich sicher konzentrieren. Da konnte man nicht nebenbei über den Holocaust reden. Was sollte ich denn jetzt sagen… sollte ich sie fragen, wodurch er überlebt hat? So etwas fragte man einen Menschen doch nicht. Es ist die Regel, dass man einfach lebt. So sah es doch aus. Aber nicht damals. Nicht hier. Nicht für Juden. Da war es die Regel, dass man nicht überlebte.
„Wie hat er die Zeit überlebt?“
„Weil er als kleines Kind von Jesuiten aufgenommen wurde. Kennst du ŻEGOTA?“
„Nein. Oder doch. Du hattest am ersten August das Zeichen von ihnen… und Marek hat davon erzählt, ein AK-Mann“
„Ja, genau. Das war eine Aktion von Armia-Krajowa-Leuten, die den Juden helfen wollten. Meistens waren es Armia Krajowa-Leute, aber auch Kirche und so weiter. Sie haben versucht, die Kinder irgendwie zu retten.“
„Hat er seine Eltern wiedergefunden?“
„Nein. Als Polen nach dem Krieg nach Westen verschoben wurde, kam er in dem Durcheinander hierher. Er wuchs bei fremden Eltern auf als frommer Katholik. War sogar Ministrant.“ Sie lachte.
„Und Deine Mutter?“
„Sie ist Kaschubin.“
„Sprichst Du Kaschubisch?“
„Ein bisschen, ja.“
„Und wie hat er erfahren, wer seine Eltern waren, ich meine…“
„Dass er eigentlich Jude war? Irgendwann kam Post aus Israel. Jemand hat ihn gesucht. Irgendwelche Verwandten aus dem galizischen Dorf. Da wohnte er schon in Warschau. Er wollte lange nichts davon wissen. Wer will schon, dass sein Leben zurückgespult wird und nichts mehr stimmt, verstehst du? Aber vor fünf Jahren ist er nach Israel gegangen.“
Jetzt wusste ich nicht mehr, wo wir waren. Ein kleiner Grashügel, unter uns Kiefernwälder und in der Ferne das Meer. Sara war anders gefahren, einen Umweg, ohne dass ich es bemerkt hatte und wenn ich mich nicht täuschte, waren wir an jenem Ort, an dem ich verhaftet wurde. Sara kurbelte das Fenster herunter und sofort wirbelte der Sturm in ihrem Haar. Sie versuchte eine Zigarette anzuzünden, ließ den Sitz krachend nach hinten fahren und streckte sich aus so gut es ging und ohne mich anzusehen sagte sie:
„Joanna spielt wundervoll.“
„Ja.“
„Und? Ihr?“
„Was, wir?“
„Joanna und du?“
„Was ist mit uns?“
„Das musst du doch wissen.“
„Ich liebe sie.“
„Ja, das weiß ich und sie liebt dich auch.“
„Und? Was willst du also wissen?“
„Geht ihr zusammen nach Düsseldorf?“
„Ach so, eigentlich lassen sie mich ja nicht dahin, weißt du das überhaupt? Ich darf nicht nach Westdeutschland. Verrückt. Aber es ist so. Jetzt habe ich aber einen…“ Sie unterbrach mich:
„Ich meine, wenn sie angenommen wird. Was dann? Was machst ihr dann? Hast du dir das nicht überlegt?“
Ich schwieg. Was wusste sie schon? Was sollte uns die Klarheit und Nüchternheit, wo wir uns doch liebten. Was sollten uns solche Fragen, wenn uns noch jede Stunde neu ist, alles so neu ist! Weil jeder Tag so schön ist, und noch viel zu lang, um schon an morgen zu denken. Es war, als hätte Sara im süßesten Traum unseres Lebens das Licht angeknipst. Aufstehen! Joanna! Grzeg! Los! Sie fragte nicht weiter und hatte doch recht. Wie immer. Pani Weredeczka. Sie zündete den Motor und wendete den Wagen in einem Zug.

Bald erreichten wir das Rittergut, fuhren vor die Treppe und stiegen aus.
Alles war verlassen. Kein Soldat, kein Offizier, keine Zosia, obwohl ich im Garten nach ihr suchte. Auch keine Blume wuchs, nur Efeu. Auf der Treppe stand eine leere Milchflasche. Wir stiegen wieder ein und fuhren vom Hof.

Sommer. Die Verhaftung

Wir bogen ein in eine Hofeinfahrt, in ein verfallenes Rittergut. Das Herrenhaus lag an einem zugewachsenen Teich, in dessen dunklen Wassern sich die kräftigen Buchen des Parks spiegelten. Gleich hinter dem Teich, hinter jenem Zaun begann der Garten. Bis über den Zaun ragte die wilde Pracht der Blumen, Sonnenblumen, Stockmalven, all das. Gleich musste Zosia kommen, im weißen Kleid, mit Blüten im Haar, die schöne Zosia mit ihren braunen Augen und ihrem ebenmäßigen Gesicht, in dem ihre weißen, weißen Zähne leuchteten, als sie lachte und mir zurief: Willkommen, Pan Tadeusz!

In der Tür des Hauses, oben über einer Freitreppe, von zwei alten Linden links und rechts umstanden wurde die zweiflügelige Tür aufgerissen und es erschien ein junger Offizier. Aufmerksam geworden vom Lärmen des Wagens stand er da und schaute zu uns herab.

Die Steingeländer der Treppe waren abgestürzt und Haustrümmer und einige Skulpturen lagen überall verstreut. Nun kam er langsam die Treppe herunter auf mich zu. Es konnte eigentlich nicht sein, aber im Nachhinein war ich sicher, dass er einen Säbel trug.

Meine beiden Bewacher brüllten, als er vor ihnen stand: Herr Hauptmann, verdächtige, ausländische Person mit Waffen aufgegriffen.

Der Offizier aber ging lächelnd auf mich zu, zog seinen ledernen Handschuh aus, klopfte damit den Staub von seiner Uniform und gab mir die Hand.

„Bonjour, monsieur, bienvenue au château de Zakocino“

„Dzień dobry, pan kapitan.“

Er aber bestand darauf, weiter französisch zu sprechen.

„Excuse-moi, monsieur“ und dann an die Soldaten gerichtet:

„Das ist kein MG, ihr Idioten, das ist ein Cello.“ Die beiden standen regungslos.

Und zu mir gewandt sagte er:

„Voulez-vous montre leur dit?“

Ich legte den Koffer ab, öffnete ihn und alle vier betrachteten wir das Cello wie ein schönes Kind in der Krippe.

Der Offizier legte seine Hand auf meine Schulter und sagte nun auf polnisch, damit die beiden es auch verstanden:

„Nehmen sie es ihnen nicht übel. Sie werden Sie selbstverständlich wieder zurück fahren.“ Er gab den beiden ein Zeichen und zu mir gewandt:

„Es würde mich sehr freuen, wenn Sie hier mein Gast sein könnten und ein Konzert geben. Im Schloß. Sie sehen ja, es hat seine besten Jahre hinter sich. Es ist freilich nur noch eine Ruine. Aber ich würde mich sehr freuen.“

„Das Cello gehört meiner Freundin.“

„Ah, na dann, um so lieber! Ich werde meine Kompanie ein wenig aufräumen lassen und dann: trois, quattre, allez!“

„Wo haben sie französisch gelernt?“

„Bin viel rumgekommen. Polnische UNO-Truppen, wissen Sie? Zuletzt Sinai. Vier Jahre her.“

Er grüßte zum Abschied leger mit zwei Fingern an der Schirmmütze.

„Au revoir, monsieur, und laden Sie Ihre Freundin ein.“

Ich nannte den beiden den Namen von Saras Dorf, das aus kaum zwanzig Häusern bestand. Ein alter Dreiseithof mit Scheune und Stall musste es sein und einem kleinen Wohnhaus.

Der Fahrer raste über die holprigen Straßen. Hinter uns schloss sich ein Vorhang aus Staub.

Der Fahrer drehte sich zu mir um und rief mir zu: „Nehmen Sie es nicht krumm.“

„Schon ok.“

„Wir haben hier nämlich Alarmstufe.“

„So? Warum?“

Ohne abzubremsen bog der Fahrer in eine Hofeinfahrt ein, Bremsen quietschten, der trockene Sand spritzte zur Seite, ein Hund bellte. Hühner sprengten davon.

Sommer. Ostsee

In diesem großen Kapitel werden Joanna und Georg von Sara an die Ostseeküste eingeladen.

Hier ein Foto einer Allee, die mich zur folgenden Szene inspiriert hat.

Das ist der Text aus dem Manuskript:

Sara holte uns am Bahnhof Wejherowo mit dem Wagen ab. Wir folgten ihr in eine Nebenstraße, dann sahen wir schon ihren Wagen. Was heißt Wagen – sie fuhr einen Polski Fiat, einen olivgrünen Polski Fiat, einen maluch, einen Zwerg, wie ihn die Leute hier nannten. Joanna kletterte auf den Rücksitz, ich reichte ihr zuerst das Gepäck, dann das Cello, nun aber ließ sich die Beifahrertür nicht mehr schließen. Ich nahm das Gepäck wieder heraus. Aber es blieb uns nichts anderes übrig, als das Cello aufs Dach zu legen und es von innen heraus durch die geöffneten Fenster festzubinden mit allem was wir hatten: einem roten Baumwolltuch von Sara, meinem Gürtel und meinen Schnürsenkeln.

Sara fuhr sehr, sehr vorsichtig, vor allem in den Kurven, bremste mit Voraussicht und nie zu scharf. Aber etwa 8 km vorm Ziel, kam ein Sturm auf, und wir spürten, wie die Böen an Joannas Cello rissen und zerrten. Obendrein wurde der winzige Wagen mit seiner harten Federung vom groben Kopfsteinpflaster und den heftigen Bodenwellen so geschüttelt, dass er auf und ab sprang und Joanna schließlich rief:

„Sara, halt an!“

Ich stieg aus, holte das Cello vom Dach, fädelte die Schnürsenkel wieder in die Schuhe, schulterte den Cellokasten ud machte mich auf den Weg. Mit einem Lied auf den Lippen, das wäre zu viel gesagt, aber doch mit dem Stolz eines Kavaliers. Zunächst lief ich über Pflastersteine, dann, als mich das zu sehr ermüdete im weichen Sand am Straßenrand.

Die Straße war gesäumt von riesigen Eichen. Ihre Kronen bildeten eine schattige Halle über mir, zwischen den bemoosten Stämmen war es dämmrig und kühl und grell leuchtete das Erntegelb der Felder. Bald führte die Straße über einen kleinen Hügel, wahrscheinlich keine 30, 50 Meter hoch, aber schon hoch genug, um von hier aus in der Ferne das Meer zu sehen. Ich blieb stehen und lehnte mich auf den Cellokoffer. Weiße Gischtkämme liefen wie Parallelverschiebungen aufs Ufer zu. Am Horizont türmten sich graue Wolken und das Meer darunter glänzte wie dunkles Blei.

Plötzlich hörte ich etwas näher kommen, ein Tosen, wie von tonnenschwerem Stahl, der in harten Schlägen immer wieder auf Stahl trifft. Dazu ein Geknatter und Gebelver wie von einem Maschinengewehr. Entsetzt wollte ich mich umdrehen, als ich von einer dichten Staubwolke umgeben war und die Augen schließen musste, während das alles an mir vorbeipolterte. Ein kurzes Quietschen, dann war es still. Da ja ein kräftiger Wind ging, war die Wolke schnell verweht und nun sah ich zwei Typen in Uniform mit dem Gewehr im Anschlag auf mich zu kommen. Der eine senkte das Gewehr und forderte mich schroff auf: Paszport do kontroli! Ich hielt ihm meinen blauen Pass hin. Und wie sich da etwas in seinem Gesicht breitmachte! etwas wie Triumph, der gerechte Lohn nach weiß ich wie langen Zeiten der Demütigung! Ich schwieg, was wusste ich, wen sie hier suchten. Er fing auch nicht an rumzuschreien, sondern wurde nun ganz leise und genoss mit jedem Wort seinen Erfolg: Mitkommen! Einsteigen! Wir fuhren einige Kilometer, während der eine den Militärjeep steuerte, behielt mich der Andere im Auge, das Gewehr auf den Knien.

Wir bogen in einen Hof ein. Ich sah vom Fenster aus ein verfallenes Rittergut.

In den nächsten beiden Wochen…

… gibt es hier Spuren zu besichtigen von Originalschauplätzen meines Manuskripts „Joanna die Täuferin“ -mit den passenden Textstellen, versteht sich. Und zwar führt uns die Reise nach Kaszëbe, in die Kaschubei, westlich von Gdańsk.