Einmal Himmel und zurück

Jazz Lyrik Prosa

Wir freuen uns auf unsere Veranstaltung im Rahmen des Cotta Treffs der Dresdener Heilandskirche 

Am 21. September
Um 19:30 Uhr
In der Heilandskirche Dresden-Cotta

Mit Manuela Bibrach, Hans-Haiko Seifert und Musikern aus Weimar, Leipzig und Dresden

Einmal Himmel und zurück

Jazz Lyrik Prosa

Wir freuen uns auf unsere Veranstaltung im Rahmen des Cotta Treffs der Dresdener Heilandskirche

Am 21. September

Um 19:30 Uhr in der Heilandskirche

Mit Manuela Bibrach, Hans-Haiko Seifert und Musikern aus Weimar, Leipzig und Dresden

1. August – Erinnerung an den Warschauer Aufstand

Am 1. August 1944 begann der Warschauer Aufstand. Ich versuche mich an diesen opferreichen Kamp zu erinnern in den Marek-Kapiteln

„Ich war ja Funker in der Armia Krajowa.“
Plötzlich lachte Marek auf: „Ich habe sogar musiziert als Funker“, und nahm einen Schluck Warka.
„Wie kann man als Funker musizieren?“, fragte ich.
Er trommelte mit dem Fingerknöchel einen Rhythmus auf den Tisch. Tamm, da da da da, Tamm, Tamm, Tamm.
„Die Heroische von Chopin!“, sagte Joanna.
„Ja. Die Heroische war unser Erkennungszeichen. das Anfangsmotiv. So begannen unsere Funksprüche.“
Wir sahen zu, wie der Mann mit dem Funkgerät gerade fluchend in den Parkteich stieg, in Kleidung, um sein abgestürztes Modellflugzeug zu holen. Dann fuhr Marek fort:
„Gegen Ende August häuften sich bei mir die Notrufe der Eingeschlossenen. Die Deutschen hatten ja begonnen, Gebäude für Gebäude zu sprengen.“
Er schwieg und sah auf seine Flasche. Ich wagte es nicht, ihn etwas zu fragen.
Dann begann er:
„Während wir die letzten Brocken zur Seite wälzten, hörten wir, wie da unten gerade eine Messe gemurmelt wurde. Sie sangen: Kyrie eleison. Herr, erbarme dich. Dumpf drang es zu uns herauf, so dumpf wie aus einem Fass. Oder sprechen wir es deutlich aus: wie aus einem Grab. Kyrie eleison! Zwischen dem Herrn im Himmel und ihnen da unten lag ja noch eine gehörige Schicht Steine. Wir waren jung und noch nicht sehr abgebrüht, das kannst du mir glauben. Uns schauderte. Wahrscheinlich war ein Priester bei ihnen. Jedenfalls hörten wir Worte, die wir nie zuvor gehört hatten. Kennst ihr die Unbekannte Schulterwunde Jesu?“, fragte er uns. Aber selbst Joanna schien nichts von der Schulterwunde zu wissen:
„Nein. Keine Ahnung. Warum war sie unbekannt, die Wunde?“
„Ich weiß es nicht. Jedenfalls soll das schmerzhafteste Leiden Jesu seine Wunde an der Schulter gewesen sein, an der Stelle, auf der der Querbalken des Kreuzes gescheuert hat. Drei Finger tief. Bis auf die Knochen.“
„Was hatte das mit den Eingeschlossenen zu tun?“, fragte ich.
„Es war natürlich so… also, die meisten empfanden das jedenfalls so: Die alltäglichen Gebete schienen in Warschau nicht mehr zu helfen. Kyrie eleison. Und als sie glaubten, dass Gott diese Stadt längst verlassen hatte, kam irgendwann einer mit diesem alten, vollkommen unbekannten Gebet von der Schulterwunde. Ich weiß nicht mehr wie es geschah, aber plötzlich war es da und viele sprachen davon. Etwas wie die allerletzte Hoffnung. Ich denke, die haben sich ihm nah gefühlt dadurch.“
„Wem?“
„Jesus. Wir hörten den Priester da unten, oder wer immer es war, dieses Gebet sprechen: Ich bete Dich an, oh schmerzhafter Jesus und danke Dir für die schmerzlichste Wunde an Deiner Schulter!
Und gerade in diesem Moment haben wir den letzten Stein beiseite geschoben. Es war verrückt und du wirst es mir nicht glauben. Aber ist so gewesen.“
„Was haben sie…“, fragte ich zögernd.
„Sie waren still. Ganz still und schauten hinauf zum Licht. Warum riefen sie nicht? Warum schwiegen sie jetzt? Sie waren sicher geblendet und wussten nicht wer wir waren. Wer weiß, wann sie das letzte Mal Sonnenlicht gesehen hatten. Sie mussten schon lange da unten eingeschlossen gewesen sein.“
„Woher weißt du das?“
„Wir haben das sofort gerochen. Diesen Gestank. Das vergisst du nicht mehr. Ich hielt es nicht aus. Musste mich abwenden. Aber manche waren 43 schon dabei. Die Żegota-Leute. Die hielten was aus.“
„Żegota?“
„Auch Armia-Krajowa-Leute. Die hatten den Juden schon geholfen, 43, beim Ghettoaufstand. Die jedenfalls hatten alles schon gesehen.“
„Und dann?“
„Als erstes tauchte ein Kind auf in dem Loch, das wir freigelegt hatten. Nicht viel älter als ein Jahr. Aber es hatte das Antlitz eines alten Menschen, ganz weiß vom Staub und die Haut runzelig von Wassermangel und vom Kalk. So starrte es uns an, mit seinem kleinen Greisengesicht, die Augen weit aufgerissen, mit aufgeplatzten, blutig-roten Lippen, aber zu schwach um zu schreien. Gleich danach kroch seine Mutter ans Licht. Gierig griff sie nach einer Wasserflasche, die ihr jemand hinhielt. Zu unserem Entsetzen glich ihr Gesicht dem des Kindes. Sie setzte die Flasche an. Nie wieder habe ich jemanden so trinken sehen. Sie zitterte vor Anstrengung, weil sie sich so fest an die Flasche klammerte, aus Angst, jemand könnte sie ihr wegnehmen.“
„Und dann haben sie euch gedankt?“
„Sie haben uns beschimpft.“
„Aber warum!“, rief ich.
Marek zuckte die Schultern, erhob sich und kam mit Bier zurück.
„Da, Joanna, Grzegorz, ich geb einen aus. Hab heute Geburtstag.“
Es war der 23. April.

1. August – Erinnerung an den Warschauer Aufstand

Am 1. August 1944 begann der Warschauer Aufstand. Ich versuche mich an diesen opferreichen Kamp zu erinnern in den Marek-Kapiteln

„Ich war ja Funker in der Armia Krajowa.“
Plötzlich lachte Marek auf: „Ich habe sogar musiziert als Funker“, und nahm einen Schluck Warka.
„Wie kann man als Funker musizieren?“, fragte ich.
Er trommelte mit dem Fingerknöchel einen Rhythmus auf den Tisch. Tamm, da da da da, Tamm, Tamm, Tamm.
„Die Heroische von Chopin!“, sagte Joanna.
„Ja. Die Heroische war unser Erkennungszeichen. das Anfangsmotiv. So begannen unsere Funksprüche.“
Wir sahen zu, wie der Mann mit dem Funkgerät gerade fluchend in den Parkteich stieg, in Kleidung, um sein abgestürztes Modellflugzeug zu holen. Dann fuhr Marek fort:
„Gegen Ende August häuften sich bei mir die Notrufe der Eingeschlossenen. Die Deutschen hatten ja begonnen, Gebäude für Gebäude zu sprengen.“
Er schwieg und sah auf seine Flasche. Ich wagte es nicht, ihn etwas zu fragen.
Dann begann er:
„Während wir die letzten Brocken zur Seite wälzten, hörten wir, wie da unten gerade eine Messe gemurmelt wurde. Sie sangen: Kyrie eleison. Herr, erbarme dich. Dumpf drang es zu uns herauf, so dumpf wie aus einem Fass. Oder sprechen wir es deutlich aus: wie aus einem Grab. Kyrie eleison! Zwischen dem Herrn im Himmel und ihnen da unten lag ja noch eine gehörige Schicht Steine. Wir waren jung und noch nicht sehr abgebrüht, das kannst du mir glauben. Uns schauderte. Wahrscheinlich war ein Priester bei ihnen. Jedenfalls hörten wir Worte, die wir nie zuvor gehört hatten. Kennst ihr die Unbekannte Schulterwunde Jesu?“, fragte er uns. Aber selbst Joanna schien nichts von der Schulterwunde zu wissen:
„Nein. Keine Ahnung. Warum war sie unbekannt, die Wunde?“
„Ich weiß es nicht. Jedenfalls soll das schmerzhafteste Leiden Jesu seine Wunde an der Schulter gewesen sein, an der Stelle, auf der der Querbalken des Kreuzes gescheuert hat. Drei Finger tief. Bis auf die Knochen.“
„Was hatte das mit den Eingeschlossenen zu tun?“, fragte ich.
„Es war natürlich so… also, die meisten empfanden das jedenfalls so: Die alltäglichen Gebete schienen in Warschau nicht mehr zu helfen. Kyrie eleison. Und als sie glaubten, dass Gott diese Stadt längst verlassen hatte, kam irgendwann einer mit diesem alten, vollkommen unbekannten Gebet von der Schulterwunde. Ich weiß nicht mehr wie es geschah, aber plötzlich war es da und viele sprachen davon. Etwas wie die allerletzte Hoffnung. Ich denke, die haben sich ihm nah gefühlt dadurch.“
„Wem?“
„Jesus. Wir hörten den Priester da unten, oder wer immer es war, dieses Gebet sprechen: Ich bete Dich an, oh schmerzhafter Jesus und danke Dir für die schmerzlichste Wunde an Deiner Schulter!
Und gerade in diesem Moment haben wir den letzten Stein beiseite geschoben. Es war verrückt und du wirst es mir nicht glauben. Aber ist so gewesen.“
„Was haben sie…“, fragte ich zögernd.
„Sie waren still. Ganz still und schauten hinauf zum Licht. Warum riefen sie nicht? Warum schwiegen sie jetzt? Sie waren sicher geblendet und wussten nicht wer wir waren. Wer weiß, wann sie das letzte Mal Sonnenlicht gesehen hatten. Sie mussten schon lange da unten eingeschlossen gewesen sein.“
„Woher weißt du das?“
„Wir haben das sofort gerochen. Diesen Gestank. Das vergisst du nicht mehr. Ich hielt es nicht aus. Musste mich abwenden. Aber manche waren 43 schon dabei. Die Żegota-Leute. Die hielten was aus.“
„Żegota?“
„Auch Armia-Krajowa-Leute. Die hatten den Juden schon geholfen, 43, beim Ghettoaufstand. Die jedenfalls hatten alles schon gesehen.“
„Und dann?“
„Als erstes tauchte ein Kind auf in dem Loch, das wir freigelegt hatten. Nicht viel älter als ein Jahr. Aber es hatte das Antlitz eines alten Menschen, ganz weiß vom Staub und die Haut runzelig von Wassermangel und vom Kalk. So starrte es uns an, mit seinem kleinen Greisengesicht, die Augen weit aufgerissen, mit aufgeplatzten, blutig-roten Lippen, aber zu schwach um zu schreien. Gleich danach kroch seine Mutter ans Licht. Gierig griff sie nach einer Wasserflasche, die ihr jemand hinhielt. Zu unserem Entsetzen glich ihr Gesicht dem des Kindes. Sie setzte die Flasche an. Nie wieder habe ich jemanden so trinken sehen. Sie zitterte vor Anstrengung, weil sie sich so fest an die Flasche klammerte, aus Angst, jemand könnte sie ihr wegnehmen.“
„Und dann haben sie euch gedankt?“
„Sie haben uns beschimpft.“
„Aber warum!“, rief ich.
Marek zuckte die Schultern, erhob sich und kam mit Bier zurück.
„Da, Joanna, Grzegorz, ich geb einen aus. Hab heute Geburtstag.“
Es war der 23. April.

Lesung mit Marjana Haponenko

Letzte Woche durfte ich gemeinsam mit Jayne-Ann Igel die Lesung von Marjana Michailiwna Haponenko beim Literaturfest in Klotzsche moderiieren.

Lange Nacht der Autoren

Der Sommer kommt mit langen Lesenächten. Am Samstag, den 9. Juli 2022 in der Alten Post Klotzsche, gemeinsam mit Manuela Bibrach, Wiete Lenk, Undine Materni, Uwe Hübner, Willi Hetze, Patrick Wilden und Geralf Grems.

Undine war leider krank. Jayne Ann Igel hat einige Gedichte von ihr gelesen. So war sie mit uns.

Schreiben in Tübingen?

Im Café schreiben kann ich zwar nicht, aber im Café in der Tübinger Collegiumsgasse mutig ein Manuskriptangebot absenden, das geht immer…

Lesung in Rosenlöchers Dorf

Schöner Nachmittag im Lesepavillon der 44. Zschachwitzer Dorfmeile! Ich durfte vor aufmerksamem Publikum zwei Kapitel aus Joanna lesen, begleitet durch entspannte Saxophon-Stücke von Sigrun Rautenberg.
Nikolaus Krause gedachte des einheimischen Thomas Rosenlöcher mit zwei Texten über Bananen-Schmuggel bei Gemüse Philipp und die Verkauften Pflastersteine unmittelbar vor dem Lese Pavillon. Pflastersteine sollten für DM verkauft werden. Aber Nikolaus Krause wusste, dass sie in den Höfen mancher Zschachwitzer landeten. Keine Namen.
Anschließend zum Bier im Elbidyll, Rosenlöcherrs Stammbiergarten, der auch in etlichen Gedichten gewürddigt wird.

Alles Gute, Novalis!

»Letzten Herbst hab ich bei Novalis gelesen: Wenn du am Johannistag gegen Abend wieder hierher kommst, so achte auf ein blaues Blümchen. Du kannst es hier finden. Ich weiß nicht mehr genau, es sollte das Glück bringen, so etwa.«

»Und du hast es vergessen, das blaue Blümchen, über das Jahr?«

»Nein, ich hab es nie vergessen, aber ich hab nicht gewusst, wann das ist: am Tage Johannis«.

»Das ist also heute, Georg.«

Die Nacht war voller Geräusche. Hundebellen, gereiztes Rufen. Das Schnauben von Pferden. Die russischen Schimmel ganz sicher.

In der Ferne stritten zwei betrunkene Männer, bis auch das aufhörte. Von irgendwoher die Erkennungsmelodie der Spätnachrichten, dann nur noch das Gezirp von Grillen oder war es das Gesirre der Sterne über den Büschen. Bis in der Ferne der Nachtzug nach Warschau vorbeiratterte, durch die Heide, die blühende Heide.

»Georg?«

»Ja.«

»Morgen geht Jacek nach Düsseldorf?«

»Ja.«

»Morgen ziehe ich zu dir.«

Und wir lagen beieinander, ganz still unter der schweren Decke, denn das kleine Haus, es war ein Haus mit feinen Ohren.