Altes & Neues

Na ja, was soll ich sagen, meine „Joanna“ hat zwar noch keinen Verlag, aber fürs nächste Manuskript ist schon das erste Heft vollgeschrieben. Da wird es Zeit, die ersten Seiten zu tippen…

Hellerauer Lesetage

In der Reihe Hellerauer Lesetage stellen 
Manuela Bibrach,
Undine Materni und
Hans-Haiko Seifert 
ihre Texte vor.
Samstag, den 12. September 2020 ab 19 Uhr im Bürgerzentrum Waldschänke Hellerau.

40 Jahre Solidarność

Heute vor 40 Jahren begannen in Gdańsk die Streiks in der Leninwerft, die kurze Zeit darauf zur Gründung der Solidarność führten.
Wie Joanna und Georg, die Protagonisten meines Romans diesen Tag erlebten, erfahrt ihr hier:

Überall von der Hallendecke hingen Fernseher. Niemand beachtete sie und auch wir schauten zunächst nur flüchtig hin, so wie man eben hinschauen muss, wenn irgendwo ein Fernsehbild flimmert. Aber was wir da sahen, das traf uns so unverhofft, das ließ uns sofort alles vergessen, wir vergaßen Düsseldorf, die fremde Stadt. Wir vergaßen auch den Westen. Einfach alles hier. Wir sahen ein Fabriktor mit großen blauen Buchstaben darüber: Stocznia Gdańska. Danziger Werft. Eine riesige Menschenmenge davor, ebenso viele Menschen hinter dem Tor. Überall weiß-rote Fahnen. Ein Reporter, der außerhalb des Werktores stand, interviewte durch die Torstäbe hindurch einen unrasierten, schnauzbärtigen Typen. Der trug ein dunkles Jackett über einem karierten Flanellhemd. Neben dem Mann am Tor ein Bild von Papst Jan Paweł II. Der polnische Ton wurde unterdrückt und ins Deutsche übersetzt.
„Georg, was ist da los?“, fragte Joanna.
„Sie streiken, Joanna. In der Leninwerft.“
„Das sehe ich auch. Nun übersetze doch endlich, Georg!“
„Er spricht von politischen Forderungen. Es geht nicht nur um Lohnerhöhung, heißt es. Unabhängige Gewerkschaften. Redefreiheit, Pressefreiheit, so etwas. Sie fordern die Wiedereinstellung des Streikführers und einer entlassenen Kranführerin.“
Der Mann mit dem Schnauzbart wurde als Werftelektriker und Streikführer vorgestellt.
Und jetzt sagte der Streikführer noch einen Satz ins Mikrofon, der nicht übersetzt wurde, weil die westdeutschen Zuschauer genauso wenig davon verstanden wie ich:
„Wir wollen ein Denkmal für die Opfer vom Dezember 1970.“
Dann begann schon der nächste Beitrag über die Folgen eines Unwetters über Nordrhein-Westfalen. Ein Kneipenbesitzer stand in Gummistiefeln in seinem Lokal. Ein Toilettenhäuschen schwamm in einem Dorfteich.
„Was war damals los, 1970?“, fragte ich Joanna.

Jazz plus Prosa

Aus dem ursprünglich für Anfang Juni geplantem Jazz, Prosa plus Suppe wird nun Jazz plus Prosa

Norbert Arendt spielt Improvisationen jazzig & free auf dem Klavier
Hans-Haiko Seifert liest aus den Frühjahrskapiteln seines Romans mit dem Arbeitstitel Warszawa

Am 20. August 2020
Im Laubengang des Bürgerzentrums Waldschänke Hellerau

Der Veranstalter legt wert auf eine Anmeldung bis zum 19. August per Email an
info@waldschaenke-hellerau.de

Johannisnacht

Ein kleiner Ausschnitt aus dem Sommerteil meines Romans. Joanna und Georg verbringen die Johannisnacht im Dorf ihrer Großeltern bei Warschau.

Schließlich fand Henryk im Dunkel wieder eine schmale Tür, öffnete sie sacht, Licht brach in den dunklen, kellerartigen Raum und ich sah Joanna. Sie stand am Fenster
„Hier, Anuszka, ich bring dir deinen Deutschen.“
Sie wendete sich zu mir, sah mir ernst und still in die Augen und kämmte mit gespreizten Fingern lange, sehr lange die Spinnenweben aus meinem Haar.
Kaum war Henryk verschwunden, schepperte die Blechschüssel erneut.
Wir standen noch lange am offenen Fenster. Ich stand hinter ihr und drückte sie fest an mich. Ich roch den Sommer in Joannas Haar.
„Du duftest… wie die blaue Blume“.
Sie verstand natürlich nichts und rieb nur ihren Kopf ganz sanft an meinem Gesicht
„Wie? Die blaue Blume?“
„Wann ist eigentlich dieser Johannistag?“
„Der ist heute, du weisst es nicht?“
„Letzten Herbst hab ich bei Novalis gelesen: Wenn du am Johannistag gegen Abend wieder hierher kommst, so achte auf ein blaues Blümchen. Du kannst es hier finden…, ich weiß nicht mehr genau, es sollte das Glück bringen, so etwa.“
„Und du hast es vergessen, das blaue Blümchen, über das Jahr?“
„Nein, ich hab es nie vergessen, aber ich hab nicht gewusst, wann das ist: am Tage Johannis“.
„Das ist also heute, Georg.“
Die Nacht war voller Geräusche. Hundebellen, gereiztes Rufen. Das Schnauben von Pferden. Die russischen Schimmel ganz sicher.
In der Ferne stritten zwei betrunkene Männer, bis auch das aufhörte. Dann von irgendwoher die Erkennungsmelodie der Spätnachrichten, dann nur noch das Gezirp von Grillen oder war es das Gesirre der Sterne über den Büschen. Bis der Nachtzug nach Warschau in der Ferne vorbeiratterte.
„Georg?“
„Ja.“
„Morgen geht Jacek nach Düsseldorf?“
„Ja.“
„Morgen ziehe ich zu dir.“
Und wir lagen beieinander, ganz still unter der schweren Decke, denn das kleine Haus, es war ein Haus mit feinen Ohren.
Nur die Hände umfuhren ohne Rast unsere Körper, streichelten das Haar und unsere Lippen küssten sich immer und immer wieder.
Und ich dachte, ja das dachte ich wirklich: So also sieht das Glück aus!

Verschoben:Jazz, Prosa plus Suppe

Leider, leider muss unsere Veranstaltung verschoben werden… Und wir hatten schon eine so schöne Probe.

Sie wird kompakter stattfinden müssen, womöglich als Jazz, Prosa plus Suppe minus Suppe… Das ist fast schon wieder Mathematik…

Die nächste Lesung findet am Donnerstag, 11. Juni um 19:30 Uhr in der Waldschänke Hellerau statt. Die Reihe Jazz plus Suppe erweitern wir diesmal um Prosa:

Norbert Arendt spielt Improvisationen – jazzig & free auf dem Klavier 
Hans-Haiko Seifert liest aus den Frühjahrskapiteln seines noch unveröffentlichten Romans mit dem Arbeitstitel Warszawa.

Norbert Arendt
Hans-Haiko Seifert

Karfreitagstext – Die Schulterwunde

Die Geschichte ist Teil des Manuskripts Warszawa. Marek erzählt hier von seinen Erlebnissen während des Warschauer Aufstands 1944

Am Nachmittag des gleichen Tages ging ich wieder einmal zu Fuß durchs Pole Mokotowskie, schon um meiner Müdigkeit zu begegnen. Ein grauer, aber milder Nachmittag und die Sonne schien nur mir. Es war ein Mittwoch. Schon von Weitem sah ich ihn sitzen. Ich kaufte ein Warka.
„Marek, ich habe ein Mädchen kennengelernt.“
Er nickte und wir stießen an und sahen einem Mann zu, der mit einem Funkgerät auf der Wiese stand und in den Himmel starrte.
„Ich weiß.“
„Aber jetzt! Jetzt habe ich sie wiedergefunden.“ 
Er hob seine Flasche, prostete mir zu: 
„Und wo?“
„In der Kirche in Wola.“
„In Święty Wojciech?“
„Ja, genau, in Święty Wojciech.“
„Wieso habt ihr euch in der Kirche getroffen?“
„Zufall. Sie wollte dort musizieren. Bach…“
„Bach?“ Er war sofort zusammengefahren.
„Ach so, natürlich. Musik. Du hast ja von Musik gesprochen.“
„Was sonst?“
„Wir in Wola denken bei Bach an einen anderen. Den SS-General.“
Jetzt erkannten wir, dass der Mann mit seinem Funkgerät ein Modellflugzeug am Himmel steuerte.
„Ich war ja Funker in der Armia Krajowa.“
Plötzlich lachte Marek auf: „Ich habe sogar musiziert als Funker“, und nahm einen Schluck Warka.
„Wie kann man als Funker musizieren?“, fragte ich.
Er trommelte mit dem Fingerknöchel einen Rhythmus auf den Tisch. Tamm, da da da da, Tamm, Tamm, Tamm.
„Das war unser Erkennungszeichen, das Anfangsmotiv aus der Heroischen von Chopin. So begannen unsere Funksprüche.“
Wir sahen zu, wie der Mann mit dem Funkgerät gerade fluchend in den Parkteich stieg, in Kleidung, um sein abgestürztes Modellflugzeug zu holen. Dann fuhr Marek fort:
„Gegen Ende August häuften sich bei mir die Notrufe der Eingeschlossenen. Die Deutschen hatten ja begonnen, Gebäude für Gebäude zu sprengen.“
Er schwieg und sah auf seine Flasche. Ich wagte es nicht, etwas zu fragen.
Dann begann er:
„Während wir die letzten Brocken zur Seite wälzten, hörten wir, wie da unten gerade eine Messe gemurmelt wurde. Sie sangen: Kyrie eleison. Herr, erbarme dich. Dumpf drang es zu uns herauf, so dumpf wie aus einem Fass. Oder sprechen wir es deutlich aus: wie aus einem Grab. Kyrie eleison! Zwischen dem Herrn im Himmel und ihnen da unten lag ja noch eine gehörige Schicht Steine. Wir waren jung und noch nicht sehr abgebrüht, das kannst du mir glauben. Uns schauderte. Wahrscheinlich war ein Priester bei ihnen. Jedenfalls hörten wir Worte, die wir nie zuvor gehört hatten. Kennst Du die Unbekannte Schulterwunde Jesu?“, fragte er mich.
„Nein. Keine Ahnung. Warum war sie unbekannt, die Wunde?“
„Ich weiß es nicht. Jedenfalls soll das schmerzhafteste Leiden Jesu seine Wunde an der Schulter gewesen sein, an der Stelle, auf der der Querbalken des Kreuzes gescheuert hat. Drei Finger tief. Bis auf die Knochen.“ 
„Was hatte das mit den Eingeschlossenen zu tun?“
„Es war natürlich so… also, die meisten empfanden das jedenfalls so: die alltäglichen Gebete schienen nicht mehr zu helfen. Kyrie eleison. Und als sie glaubten, dass Gott diese Stadt längst verlassen hatte, kam irgendwann einer mit diesem alten, vollkommen unbekannten Gebet von der Schulterwunde. Ich weiß nicht mehr wie es geschah, aber plötzlich war es da und viele sprachen davon. Etwas wie die allerletzte Hoffnung. Ich denke, die haben sich ihm nah gefühlt dadurch.“
„Wem?“
„Jesus. Wir hörten den Priester da unten, oder wer immer es war, dieses Gebet sprechen: Ich bete Dich an, oh schmerzhafter Jesus und danke Dir für die schmerzlichste Wunde an Deiner Schulter!
Und gerade in diesem Moment haben wir den letzten Stein beiseite geschoben. Es war verrückt und du wirst es mir nicht glauben. Aber ist so gewesen.“
„Was haben sie…“, fragte ich zögernd.
„Sie waren still. Ganz still und schauten hinauf zum Licht. Warum riefen sie nicht? Warum schwiegen sie jetzt? Sie waren sicher geblendet und wussten nicht wer wir waren. Wer weiß, wann sie das letzte Mal Sonnenlicht gesehen hatten. Sie mussten schon lange da unten eingeschlossen gewesen sein.“
„Woher weißt du das?“
„Wir haben das sofort gerochen. Diesen Gestank. Das vergisst du nicht mehr. Ich hielt es nicht aus. Musste mich abwenden. Aber manche waren 43 schon dabei. Die Żegota-Leute. Die hielten was aus.“
„Żegota?“
„Auch Armia-Krajowa-Leute. Die hatten den Juden schon geholfen, 43,  beim Ghettoaufstand. Die jedenfalls hatten alles schon gesehen.“
„Und dann?“
„Als erstes tauchte ein Kind auf in dem Loch, das wir freigelegt hatten. Nicht viel älter als ein Jahr. Aber es hatte das Antlitz eines alten Menschen, ganz weiß vom Staub und die Haut runzelig von Wassermangel und vom Kalk. So starrte es uns an, mit seinem kleinen Greisengesicht, die Augen weit aufgerissen, mit aufgeplatzten, blutig-roten Lippen, aber zu schwach um zu schreien. Gleich danach kroch seine Mutter ans Licht. Gierig griff sie nach einer Wasserflasche, die ihr jemand hinhielt. Zu unserem Entsetzen glich ihr Gesicht dem des Kindes. Sie setzte die Flasche an. Nie wieder habe ich jemanden so trinken sehen. Sie zitterte vor Anstrengung, weil sie sich so fest an die Flasche klammerte, aus Angst, jemand könnte sie ihr wegnehmen.“
„Und dann haben sie euch gedankt?“
„Sie haben uns beschimpft.“ 
„Aber warum!“, rief ich.
Marek zuckte die Schultern, erhob sich und kam mit einem Bier zurück. 
„Da, Grzegorz, ich geb einen aus. Hab heute Geburtstag.“ 
Es war der 23. April.

Home Office

Die nächste öffentliche Lesung ist noch eine Weile hin, dazu gibt’s sogar Jazz und Suppe!

Erstmal ohne Jazz und definitiv ohne Suppe:

Joanna

Bei Nacht betrachtet ist die Grundlage für mein Manuskript „Joanna“ doch ziemlich in Handarbeit entstanden. Glaubt man gar nich.