Sommer. Ostsee

In diesem großen Kapitel werden Joanna und Georg von Sara an die Ostseeküste eingeladen.

Hier ein Foto einer Allee, die mich zur folgenden Szene inspiriert hat.

Das ist der Text aus dem Manuskript:

Sara holte uns am Bahnhof Wejherowo mit dem Wagen ab. Wir folgten ihr in eine Nebenstraße, dann sahen wir schon ihren Wagen. Was heißt Wagen – sie fuhr einen Polski Fiat, einen olivgrünen Polski Fiat, einen maluch, einen Zwerg, wie ihn die Leute hier nannten. Joanna kletterte auf den Rücksitz, ich reichte ihr zuerst das Gepäck, dann das Cello, nun aber ließ sich die Beifahrertür nicht mehr schließen. Ich nahm das Gepäck wieder heraus. Aber es blieb uns nichts anderes übrig, als das Cello aufs Dach zu legen und es von innen heraus durch die geöffneten Fenster festzubinden mit allem was wir hatten: einem roten Baumwolltuch von Sara, meinem Gürtel und meinen Schnürsenkeln.

Sara fuhr sehr, sehr vorsichtig, vor allem in den Kurven, bremste mit Voraussicht und nie zu scharf. Aber etwa 8 km vorm Ziel, kam ein Sturm auf, und wir spürten, wie die Böen an Joannas Cello rissen und zerrten. Obendrein wurde der winzige Wagen mit seiner harten Federung vom groben Kopfsteinpflaster und den heftigen Bodenwellen so geschüttelt, dass er auf und ab sprang und Joanna schließlich rief:

„Sara, halt an!“

Ich stieg aus, holte das Cello vom Dach, fädelte die Schnürsenkel wieder in die Schuhe, schulterte den Cellokasten ud machte mich auf den Weg. Mit einem Lied auf den Lippen, das wäre zu viel gesagt, aber doch mit dem Stolz eines Kavaliers. Zunächst lief ich über Pflastersteine, dann, als mich das zu sehr ermüdete im weichen Sand am Straßenrand.

Die Straße war gesäumt von riesigen Eichen. Ihre Kronen bildeten eine schattige Halle über mir, zwischen den bemoosten Stämmen war es dämmrig und kühl und grell leuchtete das Erntegelb der Felder. Bald führte die Straße über einen kleinen Hügel, wahrscheinlich keine 30, 50 Meter hoch, aber schon hoch genug, um von hier aus in der Ferne das Meer zu sehen. Ich blieb stehen und lehnte mich auf den Cellokoffer. Weiße Gischtkämme liefen wie Parallelverschiebungen aufs Ufer zu. Am Horizont türmten sich graue Wolken und das Meer darunter glänzte wie dunkles Blei.

Plötzlich hörte ich etwas näher kommen, ein Tosen, wie von tonnenschwerem Stahl, der in harten Schlägen immer wieder auf Stahl trifft. Dazu ein Geknatter und Gebelver wie von einem Maschinengewehr. Entsetzt wollte ich mich umdrehen, als ich von einer dichten Staubwolke umgeben war und die Augen schließen musste, während das alles an mir vorbeipolterte. Ein kurzes Quietschen, dann war es still. Da ja ein kräftiger Wind ging, war die Wolke schnell verweht und nun sah ich zwei Typen in Uniform mit dem Gewehr im Anschlag auf mich zu kommen. Der eine senkte das Gewehr und forderte mich schroff auf: Paszport do kontroli! Ich hielt ihm meinen blauen Pass hin. Und wie sich da etwas in seinem Gesicht breitmachte! etwas wie Triumph, der gerechte Lohn nach weiß ich wie langen Zeiten der Demütigung! Ich schwieg, was wusste ich, wen sie hier suchten. Er fing auch nicht an rumzuschreien, sondern wurde nun ganz leise und genoss mit jedem Wort seinen Erfolg: Mitkommen! Einsteigen! Wir fuhren einige Kilometer, während der eine den Militärjeep steuerte, behielt mich der Andere im Auge, das Gewehr auf den Knien.

Wir bogen in einen Hof ein. Ich sah vom Fenster aus ein verfallenes Rittergut.

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