Sommer. Auf dem Hof

Ohne abzubremsen bog der Fahrer in eine Hofeinfahrt ein, Bremsen quietschten, der trockene Sand spritzte zur Seite, ein Hund bellte. Hühner sprengten davon. Wir hielten mitten im Dreiseithof, direkt vor einer großen Scheune aus dunklem Holz. Sara und Joanna kamen erschrocken angerannt. Als ich aus dem Wagen ausstieg, küsste mich Joanna, Sara umarmte mich und beide starrten mich mit weit aufgerissenen Augen an.
„Sie haben mich verhaftet, wisst ihr. Alarmbereitschaft und so. Alles streng geheim.“ Ich nahm das Cello vom Rücken. „Sie haben geglaubt, das Cello sei eine Waffe.“ Dann überbrachte ich die Einladung, auf Schloss Zakocino zu konzertieren.
Joanna und Sara lachten und da sie nun so erleichtert waren, wollten sie kein Ende finden. Dann schauten sie sich an: „Warum eigentlich nicht.“
In der Tür der Wohnhauses erschien eine alte Frau mit Kittelschürze, sah zu uns herüber und verschwand sofort wieder, als sie die Soldaten sah.
„Hör nur, der Sturm, Grzeg! Noch aus vier Kilometern hört man das Meer“, sagte Sara. Irgendwo hinter dem Wald war ein fernes Brausen zu hören.
Die alte Frau steckte den Soldaten etwas zu, das in Zeitungspapier gewickelt war. Obwohl es schon durchfettet war, schob der Soldat das Paket unter seine Uniformjacke, so wie andere eine Brieftasche einstecken. Ich überlegte, ob es Speck war oder Fisch. Dann gab ihnen die Frau noch eine Milchflasche, die offenbar zur Hälfte mit Schnaps gefüllt war. Was sollte es sonst gewesen sein. Die beiden bedankten sich und fuhren davon. Die alte Frau gab mir die Hand. Es war Saras Großmutter. Meine Hand fühlte sich nun fettig an und roch nach geräuchertem Fisch.
„Das war keine Armee“, fuhr Sara ihre Großmutter an, „das war nicht nötig, hörst du!“ Die Großmutter drehte sich um und ging wortlos ins Haus zurück.
„Oder was meinst du, Joanna?“
Joanna zuckte die Schultern. Sara führte mich ins Haus, durch einen kleinen Vorraum und schon stand ich in der Küche. Die Großmutter hantierte an einem Kohleherd. Über dem Herd hing ein Schild mit deutscher Schrift, die Farbe im Laufe der Jahrzehnte vom Feuer des Herdes schon gedunkelt: Eigner Herd ist Goldes Wert.
Sara sah, dass ich das Schild sah.
„Ich kenne das Sprichwort. Das gleiche Bild hängt auch bei meiner Großmutter.“ Ich wollte es ins Polnische übersetzen. „Das heißt własna kuchenka jest…”
„Ach, du bist ja der Deutsche“, rief die Großmutter, „Nein, nein, das heißt Lepszy ciasny ale własny, das hat mir schon mal jemand übersetzt.“
Das wiederum hieß allerdings so etwas wie: Klein aber mein. Es ist sinnlos, dachte ich, Sprichwörter zu übersetzen, noch sinnloser als Witze. Ich schaute in den riesigen Suppentopf.
„Żurek“, fragte die Frau, „kennst Du Żurek?“
Und ob ich Żurek kannte! Zweimal die Woche gab es in der Mensa Żurek als Vorsuppe zum Kartoffelbrei mit kotlet mielony, was kein Kotelett war, sondern Hackfleisch.
Wir gingen in die Stube. In der Stube ein Tisch, dahinter an der Wand ein Sofa, über dem Sofa ein Marienbild und ein Bild des Papstes. Jan Paweł II.
„Es ist Sturm, Joanna, hörst du? Wir müssen ans Meer!“
„Grzeg! Ich muss üben. Geh mit Sara.“
Also aßen wir Żurek, so wie ich sie noch nie bekommen hatte, mit Ei und gutem Schinken und dann standen Sara und ich auf. Doch Sara wollte nicht ans Meer. Wir fuhren zu dem Schloss, von dem ich ihnen erzählt hatte.
„Gefällts Dir hier, Grzeg?“
„Ja, sehr. Bist Du hier aufgewachsen?“
„Nein, ich nicht. Mein Vater kam ja aus D, aus Galizien.“
„Er war Jude, ich weiß.“
„Ja.“
Sie schwieg. Sie schaute nach vorn und ich dachte, sie muss wirklich Not haben, die Löcher in der Straße zu umkurven. Da musste man sich sicher konzentrieren. Da konnte man nicht nebenbei über den Holocaust reden. Was sollte ich denn jetzt sagen… sollte ich sie fragen, wodurch er überlebt hat? So etwas fragte man einen Menschen doch nicht. Es ist die Regel, dass man einfach lebt. So sah es doch aus. Aber nicht damals. Nicht hier. Nicht für Juden. Da war es die Regel, dass man nicht überlebte.
„Wie hat er die Zeit überlebt?“
„Weil er als kleines Kind von Jesuiten aufgenommen wurde. Kennst du ŻEGOTA?“
„Nein. Oder doch. Du hattest am ersten August das Zeichen von ihnen… und Marek hat davon erzählt, ein AK-Mann“
„Ja, genau. Das war eine Aktion von Armia-Krajowa-Leuten, die den Juden helfen wollten. Meistens waren es Armia Krajowa-Leute, aber auch Kirche und so weiter. Sie haben versucht, die Kinder irgendwie zu retten.“
„Hat er seine Eltern wiedergefunden?“
„Nein. Als Polen nach dem Krieg nach Westen verschoben wurde, kam er in dem Durcheinander hierher. Er wuchs bei fremden Eltern auf als frommer Katholik. War sogar Ministrant.“ Sie lachte.
„Und Deine Mutter?“
„Sie ist Kaschubin.“
„Sprichst Du Kaschubisch?“
„Ein bisschen, ja.“
„Und wie hat er erfahren, wer seine Eltern waren, ich meine…“
„Dass er eigentlich Jude war? Irgendwann kam Post aus Israel. Jemand hat ihn gesucht. Irgendwelche Verwandten aus dem galizischen Dorf. Da wohnte er schon in Warschau. Er wollte lange nichts davon wissen. Wer will schon, dass sein Leben zurückgespult wird und nichts mehr stimmt, verstehst du? Aber vor fünf Jahren ist er nach Israel gegangen.“
Jetzt wusste ich nicht mehr, wo wir waren. Ein kleiner Grashügel, unter uns Kiefernwälder und in der Ferne das Meer. Sara war anders gefahren, einen Umweg, ohne dass ich es bemerkt hatte und wenn ich mich nicht täuschte, waren wir an jenem Ort, an dem ich verhaftet wurde. Sara kurbelte das Fenster herunter und sofort wirbelte der Sturm in ihrem Haar. Sie versuchte eine Zigarette anzuzünden, ließ den Sitz krachend nach hinten fahren und streckte sich aus so gut es ging und ohne mich anzusehen sagte sie:
„Joanna spielt wundervoll.“
„Ja.“
„Und? Ihr?“
„Was, wir?“
„Joanna und du?“
„Was ist mit uns?“
„Das musst du doch wissen.“
„Ich liebe sie.“
„Ja, das weiß ich und sie liebt dich auch.“
„Und? Was willst du also wissen?“
„Geht ihr zusammen nach Düsseldorf?“
„Ach so, eigentlich lassen sie mich ja nicht dahin, weißt du das überhaupt? Ich darf nicht nach Westdeutschland. Verrückt. Aber es ist so. Jetzt habe ich aber einen…“ Sie unterbrach mich:
„Ich meine, wenn sie angenommen wird. Was dann? Was machst ihr dann? Hast du dir das nicht überlegt?“
Ich schwieg. Was wusste sie schon? Was sollte uns die Klarheit und Nüchternheit, wo wir uns doch liebten. Was sollten uns solche Fragen, wenn uns noch jede Stunde neu ist, alles so neu ist! Weil jeder Tag so schön ist, und noch viel zu lang, um schon an morgen zu denken. Es war, als hätte Sara im süßesten Traum unseres Lebens das Licht angeknipst. Aufstehen! Joanna! Grzeg! Los! Sie fragte nicht weiter und hatte doch recht. Wie immer. Pani Weredeczka. Sie zündete den Motor und wendete den Wagen in einem Zug.

Bald erreichten wir das Rittergut, fuhren vor die Treppe und stiegen aus.
Alles war verlassen. Kein Soldat, kein Offizier, keine Zosia, obwohl ich im Garten nach ihr suchte. Auch keine Blume wuchs, nur Efeu. Auf der Treppe stand eine leere Milchflasche. Wir stiegen wieder ein und fuhren vom Hof.

Write a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.