Sommer. Abschied

Als wir am Vormittag erwachten, war es heiß in der Dachkammer. Am Nachmittag wurde die Luft schwer und schwül, dann plötzlich kam wieder Sturm auf aus Richtung Süd-Südwest und Joanna wollte nun doch mit mir ans Meer. Aus großer Ferne schon hörten wir die Brandung und hielten uns immer in dieser Richtung. Bald erreichten wir Hügel, die uns wie ein kleiner Gebirgszug vom Meer zu trennen schienen, bogen in ein flaches Seitental ab, eher eine Mulde im Waldboden. Bisweilen war das Tosen der Brandung gar nicht mehr zu hören. Nicht einmal mehr der Wind in den Wipfeln. Schon in der nächsten Mulde aber hörten wir die Brandung wieder. Irgendwann erreichten wir schließlich den Deich. Der Sturm wehte uns feinen Sand in die Augen. Mit gesenktem Kopf querten wir den Deich auf einem Knüppelweg und erreichten den Strand. Plötzlich war es vollkommen still. Ob es der Windschatten der Düne war oder eine Laune der See oder ob der Sturm plötzlich verstummt war? Aber noch immer rollte Woge um Woge heran und traf mit mannshohen Brechern ans Ufer.
„Komm, Grzeg, jetzt ist es schön. Lass uns baden.“
Wir zogen uns aus und waren sofort nass. Wir stürzten uns in die Wogen, sprangen auf. Schon wichen wir einer Woge aus und tauchten unter der nächsten ab. Bis wir plötzlich einen so kräftigen Sog spürten, der uns beide mit Gewalt ergriff und hinaus zog. Längst hatten wir den Boden unter den Füßen verloren und sofort kam die lähmende Angst.
Schwimmen half nicht gegen diese ruhige unterseeische Kraft. Doch bevor die nächste Woge sich auftürmte, zogen sich die Wasser zurück, wie um auszuholen zum nächsten Schlag. Der Sog, der nach unseren Beinen griff ließ nach. Wir bekamen wieder Boden unter den Füßen und ich packte Joannas Hand und riss sie ein paar Meter mit in Richtung Strand. Da krachte uns die Gischt einer riesigen Welle in den Rücken, die stärker war als alle vorher. Wir stürzten von der Wucht nach vorn, sprangen jedoch schnell wieder auf, noch bevor die Wasser erneut strömen konnten, die aber jetzt schon flacher waren und gegen unsere vereinte Kraft kaum mehr ankamen. Hand in Hand erreichten wir den Strand. Erst jetzt merkten wir, dass die Luft ganz plötzlich eiskalt geworden war. Wir zitterten, vor Kälte, vor Angst oder vor Erschöpfung. Wir umarmten und wir küssten uns und ich werde Joannas Salzgeschmack nicht vergessen. Meine Arme umfassten ihren zitternden, kalten Leib, während ich über ihre Schulter aufs Meer hinaus schaute. Der Sturm schien an Kraft wieder zugenommen zu haben, hatte aber die Richtung gewechselt und kam jetzt vom Meer her. Meine Handflächen versuchten ihre Haut zu wärmen. Ich musste an Sara denken und ihre gnadenlosen Fragen und wollte Joanna so etwas sagen wie… Doch plötzlich:
„Joanna, sieh!“
„Was siehst Du, sag es mir.“ Sie drehte sich nicht um.
Immer wenn sich ein Wellental bildete, erkannte ich die Aufbauten eines gesunkenen Schiffes, keine 100 Meter vom Strand entfernt. Ein Wrack, das sich leicht zum Ufer hin neigte.
„Siehst Du Menschen?“
„Ich weiß es nicht. Nein.“
Nun aber kam mit dem Sturm vom Meer mit hoher Geschwindigkeit eine Wolkenfront heran, eine dunkelgraue Wand, in gerader Linie, wie mit dem Messer abgeschnitten. So als lege das Land sich zum Schlaf und jemand zöge ein dunkles Tuch darüber. Und alles, wirklich alles wurde viel dunkler unter dem Tuch, vom Meer her kam eine Luft wie von Milch. Als würde etwas das Augenlicht trüben. Nicht lange und es war heran. Erst sah ich das Wrack nicht mehr, dann die Brandung, dann die Uferlinie. Dann waren wir wie von Nebel eingehüllt. Nun erst bemerkte es Joanna.
„Grzeg, lass uns gehen, bitte.“
„Ja, lass uns gehen, Joanna.“
Wir kleideten uns an und liefen landeinwärts Hand in Hand in östlicher Richtung. Vor uns blitzte schon das Licht des Leuchtturms auf. Wir durchquerten den Waldstreifen.
Dann traf es uns wie ein Schlag. Es kam mit einer solchen Kraft über uns, es kam so unerwartet dass wir wie gelähmt stehen blieben. Nichts was wir kannten, erinnerte an das was jetzt geschah. Als Erste fand Joanna Worte.
„Die Posaunen von Jericho, Grzeg.“
Tiefe Töne von einer unerhörten Wucht. Immer wieder in kurzen Abständen, dreimal hintereinander. Dann vielleicht eine halbe Minute Pause. Und erneut! Töne so tief und durchdringend, dass unsere Körper von ihnen zu vibrieren begannen.
In einer der Halb-Minuten-Pausen liefen wir los, fanden bald die Straße und das Dorf.
„Joanna?“
„Ja?“
„Ich habe so ein Gefühl. Ich glaube es ist die Angst.“
„Grzeg warum, wie kommst Du darauf?“
„Wegen Düsseldorf, Joanna, ich werde wahnsinnig. Und wenn das alles Zeichen sind?“
„Grzeg, hör auf zu spinnen!“
„Kommt so das Unheil?“
„Niemals! Niemals kommt so das Unheil. Das kommt mitten im Lachen, es bricht über dich herein, wenn du fröhlich bist. Von einer Sekunde zur nächsten, zack, so mag es das Unheil am liebsten.“
„Dein Vertrauen, Joanna.“
„Aber ja! Du kannst sicher sein: sogar die Haare auf deinem Kopf sind gezählt.
„Wie? Was soll das heißen? Wer sagt das.“
„Mateusz“
„Mateusz? Welcher Mateusz?“
Aber Joanna antwortete gar nicht. Wir erreichten gerade die Dorfstraße, duftende Blumen hinter den Zäunen und alles was man zum Einlegen von Gurken brauchte.
„Und warum machst du dir Sorgen, Grzeg, um Kleidung und Essen und alles? Guck dir nur die Lilien da hinter dem Zaun an. Und der Dill. Riechst du sie? Sieh nur wie sie wachsen. Aber siehst du sie etwa arbeiten und …“
„Was heißt prząść, Joanna?“
„Spinnen. Sie arbeiten und sie spinnen nicht und sie leben doch. So schreibt er.“
„Wer?“
„Mateusz“
„Weißt du, dass das im Deutschen ein Wort ist: spinnen und mieć brzika?“
„Joanna! Grzeg!“ Schon von Weitem hatte Sara uns gesehen.
„Sara!“
Sie fielen sich in die Arme.
„Was ist das für ein Wrack, Sara?“
„So weit wart ihr!“
„Der Nebel um diese Zeit!“
„Wir haben Besuch.“
Zwei Chinesinnen waren gekommen, Musikstudentinnen wie Joanna. Wir mussten ihnen vom Sturm erzählen und vom Nebelhorn und dem gesunkenen Schiff. Da sagte Eine:
„Bei uns heißt es: Die Natur weiß, wenn der Kaiser stirbt.“
Alle lachten. Auf dem Hof brannte ein Feuer und wir saßen im Kreis. Die Großmutter hatte kaszubski Kociołek zubereitet. Eine Art Bigos, ein Topf voller Kraut und Wurst und Kartoffeln, der fest verschlossen wurde und im Feuer garte.
„So spielt doch was“, rief Sara den Dreien zu.“ Sie gingen, um ihre Instrumente zu holen und setzten sich in das offene Scheunentor, wo es warm war und trocken.
„Grzeg darf sich was wünschen.“
„So spielt was von Bach“.
„Aber, Grzeg, Bach hat keine Musik für Streichquartett geschrieben. Wir sind zwar nur zu dritt…“ Da tippte eine der Chinesinnen ihr mit dem Geigenbogen auf die Schulter. Sie tuschelten aufgeregt, probierten schließlich ein paar Takte und dann sagte Joanna:
„Grzeg hat uns auf eine Idee gebracht. Und es ist ein Dankeschön an Sara Goldberg. Und es ist vielleicht sogar eine Weltpremiere!“ Alle drei waren sich schnell einig geworden, dass sie ein paar Teile der Goldberg-Variationen auf dem Klavier auswendig konnten und so beschlossen sie, es als Trio zu improvisieren. Wir blieben am Feuer sitzen und hörten ihnen zu.

Das Wrack vor der Küste

Siehst du die Lilien da im Feld…

Kociolek

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