Kunstwerke im Abseits

Aus gegebenen Anlass: Wertvolle Kunstwerke finden sich an ganz seltsamen Orten wieder, wo sie nichts zu suchen haben. Eine Passage:

Der Milizionär aber begann zu brüllen und zu fluchen:
„Wariat zapierdolony!“ 

Die Lebendmaske August des Starken

Auf der Bank neben uns, keine zwei Meter in der Dunkelheit entfernt saß noch so ein Penner.
Er sah zu uns herüber und sprach mich zu meiner Überraschung in akzentfreiem Deutsch an:
„Ich kann Ihnen dolmetschen, was er gesagt hat.“
Das Wort dolmetsch verstand aber sogar der Milizionär.
Wütend leuchtete er ihm mit seiner Taschenlampe ins Gesicht und nun konnte auch ich in seine Augen blicken, freundliche Augen, die einst wach gewesen waren. Darüber sehr dichte Brauen. Eine gewaltige, gebogene Nase über einem fülligen Mund. Was waren das für Kleider! Sahen aus wie aus dem Museum geklaut.
Aber Würde hatten sie, mein Gott, Würde hatten sie. Eine hohe Pelzmütze auf dem langen zerzausten grauen Haar. Man sah ihr an, dass darin die Motten hausten. Ein roter Mantel, kompliziert geknöpft, zwei Knopfreihen von Messing, stumpf freilich, und irgendwie mit Lederbändern verbunden. Etliche Knöpfe fehlten, dann hingen die Bänder lose herab. Auch der Mantel muss einst mit Pelz besetzt gewesen sein, einige Pelzbüschel waren noch übrig. Auf die Brust hatte er sich einen Orden geheftet, eine Art Stern auf rotem Kreuz. Auf dem Stern klebte ein weißer Adler, der glänzte wie von Diamanten. Das war natürlich Glas oder irgendwas.
„Ich will Euch hier nie wieder sehen“, brüllte der Milizionär und verschwand.
Der Penner zog mich beiseite.
„Ich habe hier im sächsischen Garten Parkverbot. Ob du es glaubst oder nicht.“ Er lachte laut auf, was ich nicht verstand. Warum sollte ich es nicht glauben? Ich glaubte es ihm aufs Wort.
„Komm mit“, sagte der Penner. Wir überquerten die Marszałkowska, gingen die Dzielna entlang,
zwischen den schwarzen Hauswänden der Próżna hindurch. Am plac Grzybowski wusste er eine Bank, wo er sich sicher fühlte.
Er zog nun an einer Kette, die aus seiner riesigen Manteltasche hing und brachte triumphierend
eine bauchige Flasche mit schlankem Hals zum Vorschein, öffnete einen goldenen Verschluss
und reichte sie mir. Ich fühlte die fingerbreiten Rippen der Flasche und hielt sie gegen das
Licht einer Straßenlaterne. Edel geschliffenes Glas und sie leuchtete tiefrot, wie Rubin.
„Wo hast Du denn diese Flasche her!“
„Trink!“
Ich trank. Der Fusel biss in der Kehle und schmeckte wie Lösungsmittel.

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