Karfreitagstext – Die Schulterwunde

Die Geschichte ist Teil des Manuskripts Warszawa. Marek erzählt hier von seinen Erlebnissen während des Warschauer Aufstands 1944

Am Nachmittag des gleichen Tages ging ich wieder einmal zu Fuß durchs Pole Mokotowskie, schon um meiner Müdigkeit zu begegnen. Ein grauer, aber milder Nachmittag und die Sonne schien nur mir. Es war ein Mittwoch. Schon von Weitem sah ich ihn sitzen. Ich kaufte ein Warka.
„Marek, ich habe ein Mädchen kennengelernt.“
Er nickte und wir stießen an und sahen einem Mann zu, der mit einem Funkgerät auf der Wiese stand und in den Himmel starrte.
„Ich weiß.“
„Aber jetzt! Jetzt habe ich sie wiedergefunden.“ 
Er hob seine Flasche, prostete mir zu: 
„Und wo?“
„In der Kirche in Wola.“
„In Święty Wojciech?“
„Ja, genau, in Święty Wojciech.“
„Wieso habt ihr euch in der Kirche getroffen?“
„Zufall. Sie wollte dort musizieren. Bach…“
„Bach?“ Er war sofort zusammengefahren.
„Ach so, natürlich. Musik. Du hast ja von Musik gesprochen.“
„Was sonst?“
„Wir in Wola denken bei Bach an einen anderen. Den SS-General.“
Jetzt erkannten wir, dass der Mann mit seinem Funkgerät ein Modellflugzeug am Himmel steuerte.
„Ich war ja Funker in der Armia Krajowa.“
Plötzlich lachte Marek auf: „Ich habe sogar musiziert als Funker“, und nahm einen Schluck Warka.
„Wie kann man als Funker musizieren?“, fragte ich.
Er trommelte mit dem Fingerknöchel einen Rhythmus auf den Tisch. Tamm, da da da da, Tamm, Tamm, Tamm.
„Das war unser Erkennungszeichen, das Anfangsmotiv aus der Heroischen von Chopin. So begannen unsere Funksprüche.“
Wir sahen zu, wie der Mann mit dem Funkgerät gerade fluchend in den Parkteich stieg, in Kleidung, um sein abgestürztes Modellflugzeug zu holen. Dann fuhr Marek fort:
„Gegen Ende August häuften sich bei mir die Notrufe der Eingeschlossenen. Die Deutschen hatten ja begonnen, Gebäude für Gebäude zu sprengen.“
Er schwieg und sah auf seine Flasche. Ich wagte es nicht, etwas zu fragen.
Dann begann er:
„Während wir die letzten Brocken zur Seite wälzten, hörten wir, wie da unten gerade eine Messe gemurmelt wurde. Sie sangen: Kyrie eleison. Herr, erbarme dich. Dumpf drang es zu uns herauf, so dumpf wie aus einem Fass. Oder sprechen wir es deutlich aus: wie aus einem Grab. Kyrie eleison! Zwischen dem Herrn im Himmel und ihnen da unten lag ja noch eine gehörige Schicht Steine. Wir waren jung und noch nicht sehr abgebrüht, das kannst du mir glauben. Uns schauderte. Wahrscheinlich war ein Priester bei ihnen. Jedenfalls hörten wir Worte, die wir nie zuvor gehört hatten. Kennst Du die Unbekannte Schulterwunde Jesu?“, fragte er mich.
„Nein. Keine Ahnung. Warum war sie unbekannt, die Wunde?“
„Ich weiß es nicht. Jedenfalls soll das schmerzhafteste Leiden Jesu seine Wunde an der Schulter gewesen sein, an der Stelle, auf der der Querbalken des Kreuzes gescheuert hat. Drei Finger tief. Bis auf die Knochen.“ 
„Was hatte das mit den Eingeschlossenen zu tun?“
„Es war natürlich so… also, die meisten empfanden das jedenfalls so: die alltäglichen Gebete schienen nicht mehr zu helfen. Kyrie eleison. Und als sie glaubten, dass Gott diese Stadt längst verlassen hatte, kam irgendwann einer mit diesem alten, vollkommen unbekannten Gebet von der Schulterwunde. Ich weiß nicht mehr wie es geschah, aber plötzlich war es da und viele sprachen davon. Etwas wie die allerletzte Hoffnung. Ich denke, die haben sich ihm nah gefühlt dadurch.“
„Wem?“
„Jesus. Wir hörten den Priester da unten, oder wer immer es war, dieses Gebet sprechen: Ich bete Dich an, oh schmerzhafter Jesus und danke Dir für die schmerzlichste Wunde an Deiner Schulter!
Und gerade in diesem Moment haben wir den letzten Stein beiseite geschoben. Es war verrückt und du wirst es mir nicht glauben. Aber ist so gewesen.“
„Was haben sie…“, fragte ich zögernd.
„Sie waren still. Ganz still und schauten hinauf zum Licht. Warum riefen sie nicht? Warum schwiegen sie jetzt? Sie waren sicher geblendet und wussten nicht wer wir waren. Wer weiß, wann sie das letzte Mal Sonnenlicht gesehen hatten. Sie mussten schon lange da unten eingeschlossen gewesen sein.“
„Woher weißt du das?“
„Wir haben das sofort gerochen. Diesen Gestank. Das vergisst du nicht mehr. Ich hielt es nicht aus. Musste mich abwenden. Aber manche waren 43 schon dabei. Die Żegota-Leute. Die hielten was aus.“
„Żegota?“
„Auch Armia-Krajowa-Leute. Die hatten den Juden schon geholfen, 43,  beim Ghettoaufstand. Die jedenfalls hatten alles schon gesehen.“
„Und dann?“
„Als erstes tauchte ein Kind auf in dem Loch, das wir freigelegt hatten. Nicht viel älter als ein Jahr. Aber es hatte das Antlitz eines alten Menschen, ganz weiß vom Staub und die Haut runzelig von Wassermangel und vom Kalk. So starrte es uns an, mit seinem kleinen Greisengesicht, die Augen weit aufgerissen, mit aufgeplatzten, blutig-roten Lippen, aber zu schwach um zu schreien. Gleich danach kroch seine Mutter ans Licht. Gierig griff sie nach einer Wasserflasche, die ihr jemand hinhielt. Zu unserem Entsetzen glich ihr Gesicht dem des Kindes. Sie setzte die Flasche an. Nie wieder habe ich jemanden so trinken sehen. Sie zitterte vor Anstrengung, weil sie sich so fest an die Flasche klammerte, aus Angst, jemand könnte sie ihr wegnehmen.“
„Und dann haben sie euch gedankt?“
„Sie haben uns beschimpft.“ 
„Aber warum!“, rief ich.
Marek zuckte die Schultern, erhob sich und kam mit einem Bier zurück. 
„Da, Grzegorz, ich geb einen aus. Hab heute Geburtstag.“ 
Es war der 23. April.

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