Advent
Hörfassung

So brach ich am nächsten Samstag auf, nahm meinen Rucksack und gab den Schlüssel ab. Na, zum Rendevouz, Grzegorz? Nein, Musik, Pani Gosia, nur Musik.

Und obwohl es regnete, stieg ich an der Trasa W-Z aus und stieg mit gesenktem Kopf die Treppen hinauf zum Schlossplatz. Als ich den Platz schon überqueren wollte, sah ich vor mir in einer Pfütze einen hellen, silbrigen Schein. Da hinten über Praga, nicht hoch über der Weichsel stand der Mond im regenschwarzen Winterhimmel, genau jener Weihnachtsmond, den ich aus Kindertagen kannte.

Ansonsten war der Himmel schwarz. Dunkler als der Himmel war nur noch König Zygmunt Wasa hoch oben auf seiner Säule. 

Aber wie ich so hoch schaute zu ihm, wie er seinen Säbel schwang, und damit die tiefhängenden Wolken traf, da platzte tatsächlich der Himmel auf, riss einfach auf wie ein morsches Gewand, klaffte wie eine Schnittwunde, aus der fortan wie Blut die Sterne sprühten.

Ich stand und sah es mit offenem Mund und konnte es nicht glauben und war doch sicher: solche Tage kommen in Jahrhunderten nur einmal vor. So folgte ich jener Himmelswunde, jener Sternenspur. Sie führte direkt in die engen Gassen. Und wo die Giebel hoch oben sich trafen, da ließen sie genau jenen kleinen Spalt zum Himmel frei, durch den die Sternenspur in die Gassen leuchten konnte. Überall öffneten sich Türen, die Menschen steckten die Köpfe heraus, während die Kinder an ihnen vorbei auf die Gasse schlüpften und umherhüpfend auf den Himmel zeigten. Als jedoch ein Geschepper anhob, ein Geschleife und Gequietsche und Getrampel und Gedröhn, da eilten die Kinder ängstlich in die Arme der Eltern zurück. Ein unbeleuchteter Pferdeschlitten jagte durch die Gasse. Ein Kerl von einem Kutscher stand auf dem Bock. Ob er nun betrunken war oder ob er nur zu früh mit Schnee gerechnet hatte. Keine Ahnung. Jedenfalls zogen die schäumenden Pferde das Gefährt übers Pflaster und unter den Kufen stoben abermals die Funken wie Sterne.

Ich ging weiter, doch plötzlich war die Sternenspur verschwunden, einfach verschluckt von Wolken, die über die Dächer zogen, so wie all die Jahrhunderte zuvor. Ich blieb unvermittelt stehen, so als hätte ich die Orientierung verloren. Auf der einen Seite der Straße ragte die gewaltige Fassade von St. Martin auf. Direkt neben mir jedoch war ein grober, runder Torbogen, wie aus einem Monolith gemeißelt, über einer alten Eisentür. Schwere Bänder liefen über kreuz und waren fest vernietet. Wie bei einer Kerkertür gab es in Kopfhöhe ein Gitter, einen Sehschlitz. Über der Tür wurde der Torbogen von einem Schlussstein begrenzt. Darauf konnte sich eine kleine Knabenplastik mit knapper Not halten, die Arme ausgebreitet, als spende sie Segen, wie das Christuskind, die Knie leicht gebeugt, wie vor dem ängstlichen Sprung vom Dreimeterbrett.

Ich trat an das Gitter heran und spähte in den dämmrigen Hausflur. Kerzen brannten und warfen unruhige Schatten. Plastiken mit langen, dürren Gliedmaßen, die entlang der Wände standen. Ein Spalier aus Kunst eigentlich. Es lud ein auf den Weg ins Innere.  Ich öffnete die Tür und ging vorsichtig zwischen den Plastiken hindurch, die Kerzen flackerten nun um so heftiger und die zuckenden Schatten der Arme und Köpfe bevölkerten das Gewölbe des Durchgangs.

In einem Innenhof brannte ein kleines Feuer. Der Rauch stieg in hellen Schwaden durch den schmalen Luftschacht in den dunklen Himmel auf. 

Ich betrat einen Saal mit einigen Stuhlreihen, in denen gut ein Dutzend Menschen saß. Vorn ein Tisch auf einem flachen Podest. Neben dem Tisch auf dem Boden ein Akkordeon. Niemand beachtete mich und ich setzte mich in die erste Reihe. Bald verstummten die Gespräche, denn nun betrat den Raum eine, eine, eine großartige Erscheinung, ein große Frau mit wallendem dunklen Haar und kräftig rot geschminkten Lippen. Ein weites, bodenlanges Gewand bedeckte ihren Leib, so dass sie aufs Podium zu gleiten schien, wie eine Figur auf dem Schachbrett. Ja, man kann schon sagen: wie eine Königin. Sie stellte ihre Tasche ab und verneigte sich, setzte sich, schlug ein Buch auf und begann zu lesen. Ich verstand nicht viel, doch sofort mochte ich ihre Stimme, ich genoss die Präzision, mit der sie sprach, ich schaute auf ihre Lippen, die sich glänzend wölbten, dann wieder öffneten und schlossen. Immer wieder schnappte ich zwar Wortreihen auf, die ich manchmal behielt, dann in Gedanken eine Weile umherführen musste, bis ich sie schließlich glaubte verstanden zu haben.

Auch genoss ich die Wärme des Raums und die Behaglichkeit der Stühle und so brachte es mich auch überhaupt nicht aus der Ruhe, als mich jemand anbrüllte, ich solle mich doch gefälligst beeilen, um Himmels willen beeilen! Holt die Mäntel, Los! Auf! und hinaus in die Nacht, auf die Gasse, wo ein Schneesturm wütet. Kommt! beeilt euch, wir brauchen Hilfe! Die Pferde! Der Schlitten! Später!, erwiderte ich, später, lasst sie doch erst lesen!

Als mein Kopf zur Seite fiel, und ich davon erwachte, war es mir über alle Maßen peinlich, aber sie schien es nicht bemerkt zu haben. Ich kniff mir mit Daumen und Zeigefinger in den Unterarm, bis es schmerzte und doch glitt ich wieder und wieder in die wohlige Wärme hinter den geschlossenen Lidern. Bis ich von lauter Akkordeonmusik aufwachte. Die Frau spielte und hielt den Kopf dabei schräg über dem Instrument, so dass es von ihren Haaren beinahe verdeckt war, wie um den Klängen besser lauschen zu können.

Dann setzte sie das Akkordeon auf dem Boden ab, erhob sich und verneigte sich in unseren Beifall hinein. Während die anderen Zuhörer ihre Unterhaltungen sofort wieder begannen, stand ich als Einziger auf, wollte schon gehen, musste jedoch an ihrem Tisch vorbei. Sie sah mir entgegen, lächelte mich an und hielt mir den Rücken ihrer rechten Hand entgegen, den ich selbstverständlich ergriff. Ich hatte jedoch das flache Podest übersehen und so fiel ich unbeabsichtigt vor ihr auf die Knie. Sie nahm es mit ernster Rührung zur Kenntnis. Meine Knie schmerzten und da ich auf eine Unterhaltung mit ihr nicht vorbereitet war, begann ich zu stottern: „Ich habe schon, also… ich fand eine… ich bin ein großer Verehrer ihrer Kunst.“ Sie genoss es uns so küsste ich ergeben ihre Hand, die nach einem starken Parfum roch und nach Tabak. Und tatsächlich wühlte sie in der Tasche ihres weiten Kleides, zog eine Schachtel Zigaretten hervor, nahm eine heraus und reichte mir die Streichhölzer. Ich gab ihr Feuer, sie zog an der Zigarette, blies den Rauch aus und sagte: 

„Lass uns einen trinken. Wie heißt du?“ 

„Grzegorz.“ 

„Laß uns einen trinken, Grzeg“. Sie nannte mich fortan Grzeg, stellte zwei Gläser auf den Tisch und goss aus einer Flasche Wodka ein. Wir stießen an und tranken, ich noch immer vor ihr knieend. Dann blätterte sie ihr Buch auf, nahm einen Stift und schrieb: In Liebe, für Georg, Wanda Borowska.

„Sie sprechen deutsch, Pani Borowska?“ 

„Aber ja, mein Lieber.“

Dann blickte sie mich an: 

„Du weißt, ich schreibe über die Liebe.“ Dann schwieg sie. „Über die Liebe. Und du, Grzeg, du schreibst auch. Ich weiß es. Deshalb will ich dir noch etwas schenken…“

Sie bückte sich nach ihrer Handtasche, kramte darin und überreichte mir ein leeres Schreibheft. Ich schaute sie verwirrt an.

„Ja, Sie haben recht, ich schreibe auch. Natürlich auch über die Liebe. Über die Liebe, wenn sie… also… über die enttäuschte Liebe, also… über die Liebe, die nicht erwidert wird. Das sind die schönsten Liebesgedichte.“ 

Sie fuhr mit ihrer Linken über meine Wange, die Zigarette noch zwischen den Fingern:

„Du weißt es. Das ist gut, Grzeg, das ist sehr, sehr gut. Schreib sie in dieses Heft. Deine Liebesgedichte.“ Sie nahm einen tiefen Schluck aus dem Wodkaglas, dann strich sie mir mit dem Daumen über die Lippen. Er roch noch Nikotin. Schließlich ergriff sie meine Hand: „Nur darauf kommt es an“, sagte sie.

Ich bedankte mich für die Wünsche, küsste zum Abschied erneut ihre Hand und wollte schon aufstehen, als sie mich noch einmal auf die Knie drückte.

„Weißt du, Grzeg, mit den anderen Künsten ist es doch so: die Maler müssen nur die richtige Farbe an der richtigen Stelle auftragen, die Bildhauer nur den überflüssigen Stein herausklopfen und beide können sich gern an der Natur ein Vorbild nehmen.“

Sie nahm noch einen Schluck.

„Aber der Dichter! Grzeg, der Dichter! Er schöpft nur aus seinem Geiste!“

„Oh, nein Pani Borowska, sagen Sie das nicht. Es läßt sich nachweisen mit Mitteln der Chaostheorie und der Stochastik, wenn eine Million Affen für eine gewisse Zeit auf Schreibmaschinen einhämmern, so ist die Wahrscheinlichkeit, dass dabei ein Vers aus, sagen wir, Mickiewicz Pan Tadeusz entsteht…“

Sie starrte mich fassungslos an, so dass ich verstummte, noch ehe ich zu Ende gesprochen hatte.

„Was…“, fragte sie kraftlos.

„… größer… größer Null“

Sie sah mich lange an voll Abscheu und Entsetzen, raffte schließlich ihre Tasche vom Boden, stand auf und wollte schon gehen.

„…warten Sie, Pani Borowska, so meinte ich das nicht. Also, es kann natürlich genauso gut ein Vers aus einem Sonnet von Shakespeare sein oder aus der Marienbader…“

„Schweig, Grzeg!“ Sie ließ sich noch von mir in ihren Pelzmantel helfen, der über der Stuhllehne hing. Ich spürte die Schmerzen von meinem Kniefall. Und ohne sich zu verabschieden ging sie nach draußen. 

Da fiel mir das Le Petit Trianon wieder ein.