Johannisnacht

Ein kleiner Ausschnitt aus dem Sommerteil meines Romans. Joanna und Georg verbringen die Johannisnacht im Dorf ihrer Großeltern bei Warschau.

Schließlich fand Henryk im Dunkel wieder eine schmale Tür, öffnete sie sacht, Licht brach in den dunklen, kellerartigen Raum und ich sah Joanna. Sie stand am Fenster
„Hier, Anuszka, ich bring dir deinen Deutschen.“
Sie wendete sich zu mir, sah mir ernst und still in die Augen und kämmte mit gespreizten Fingern lange, sehr lange die Spinnenweben aus meinem Haar.
Kaum war Henryk verschwunden, schepperte die Blechschüssel erneut.
Wir standen noch lange am offenen Fenster. Ich stand hinter ihr und drückte sie fest an mich. Ich roch den Sommer in Joannas Haar.
„Du duftest… wie die blaue Blume“.
Sie verstand natürlich nichts und rieb nur ihren Kopf ganz sanft an meinem Gesicht
„Wie? Die blaue Blume?“
„Wann ist eigentlich dieser Johannistag?“
„Der ist heute, du weisst es nicht?“
„Letzten Herbst hab ich bei Novalis gelesen: Wenn du am Johannistag gegen Abend wieder hierher kommst, so achte auf ein blaues Blümchen. Du kannst es hier finden…, ich weiß nicht mehr genau, es sollte das Glück bringen, so etwa.“
„Und du hast es vergessen, das blaue Blümchen, über das Jahr?“
„Nein, ich hab es nie vergessen, aber ich hab nicht gewusst, wann das ist: am Tage Johannis“.
„Das ist also heute, Georg.“
Die Nacht war voller Geräusche. Hundebellen, gereiztes Rufen. Das Schnauben von Pferden. Die russischen Schimmel ganz sicher.
In der Ferne stritten zwei betrunkene Männer, bis auch das aufhörte. Dann von irgendwoher die Erkennungsmelodie der Spätnachrichten, dann nur noch das Gezirp von Grillen oder war es das Gesirre der Sterne über den Büschen. Bis der Nachtzug nach Warschau in der Ferne vorbeiratterte.
„Georg?“
„Ja.“
„Morgen geht Jacek nach Düsseldorf?“
„Ja.“
„Morgen ziehe ich zu dir.“
Und wir lagen beieinander, ganz still unter der schweren Decke, denn das kleine Haus, es war ein Haus mit feinen Ohren.
Nur die Hände umfuhren ohne Rast unsere Körper, streichelten das Haar und unsere Lippen küssten sich immer und immer wieder.
Und ich dachte, ja das dachte ich wirklich: So also sieht das Glück aus!

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